Die Vorräte einer Maus

by Andrea Klasen

Liebe Rosinensucher und Perlenfinder,

kennen Sie Frederick? Frederick ist eine graue Maus, die mit vielen anderen grauen Mäusen in vertrackten Gängen unter einer Steinmauer lebt, die eine Wiese mit Kühen und Pferden einfriedet. Als die anderen Mäuse im Herbst damit beginnen, Haselnüsse, Walnüsse, Bucheckern und Körner zu sammeln, sitzt Frederick bloß da und träumt. Die anderen Mäuse fragen ihn warum er nichts sammle, warum er ihnen nicht helfe und bloß so da säße. Frederick lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und sitzt weiter wortlos auf seinem Stein. Tief versunken.

Der Winter, den die Mäuse dann erleben, ist sehr lang und sehr kalt. Nach endlosen dunklen Tagen und Nächten sind ihre Nüsse, Körner und Kastanien aufgegessen und die Mäuse kuscheln sich verzweifelt aneinander und wissen nicht, wie sie die Tage bis zum Frühling überleben sollen. Da erinnern sie sich, dass Frederick doch auch etwas gesammelt hat. Sie fordern ihn auf, seine Vorräte preis zu geben.

Da beginnt Frederick seinen Mäusefreunden von den warmen Sonnenstrahlen zu erzählen, die im Spätsommer und frühen Herbst auf den Pelz der Mäuse scheinen und die er alle eingesammelt hat. “Erinnert Euch wie schön es ist, zwischen den Steinen unserer Mauer zu liegen, sich bescheinen zu lassen und dabei zu träumen.” Die Mäuse seufzen auf und beginnen sich wohlig zu strecken. “Erzähl weiter!” Frederick erzählt vom warmen Sommerwind, der mit den weichen Ohren der Mäuse spielt, er erzählt ihnen von den Farben des Sommers, dem satten Grün, dem blauen glitzernden Wasser des kleinen Baches und dem weißen Himmel, der einen manchmal blind werden lässt. Er erzählt ihnen weiter von Worten, die Musik in seinen Ohren sind und diese Melodie lässt er nun erklingen. Seine Mäusefreunde vergessen ihren Hunger und die Kälte, und als Frederick all seine gesammelten Erinnerungen erzählt hat, gehen sie hinaus und begrüßen den Frühling.

So jedenfalls habe ich die Geschichte des niederländischen Autors Leo Lionni noch im Gedächtnis. Jeden Herbst hat meine Mutter uns aus diesem Buch vorgelesen und seitdem bin ich der festen Überzeugung, dass man sich Vorräte schaffen muss. Das muss nicht das Apfelmus sein, das man mit Nelken, Zimt und Kardamom im Oktober eingekocht hat. Das muss nicht unbedingt der schwarze Holundersaft sein, den ich selber haltbar gemacht habe und bei einer Erkältung im nicht enden wollenden Februar heiß trinke.

Nein, auch ich sammle wie Frederick Worte, Blicke und Herzensberührungen, die mir Menschen und Tiere geschenkt haben und von denen ich in dunklen Stunden und an dunklen Tagen zehre. Und wie Frederick sammle ich Farben. Meine Stute Lady hat mir dabei geholfen. Hier in Ergste gibt es herrliche Mischwälder mit Buchen, Lärchen und Eichen. Im Moment leuchten ihre Blätter gelb, orange und rot. Manche Buche sieht aus als würde sie lichterloh in Flammen stehen und sich dabei noch selbst genießen.

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Unter den Linden – dieser Weg führt zu Ladys Hof

Ich kann im Moment nicht genug bekommen von dieser unermesslichen Schönheit der Natur. Scheint dazu noch ein blauer Himmel, dann möchte ich französischer Impressionist sein und diese Farbexplosion festhalten.

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Satte Farben für die Vorratskammer

Ich selber kann leider nicht malen, aber ich bin leidenschaftliche Hobby-Fotografin und halte Bilder auf diese Weise fest. So habe ich mir vergangenen Montag meinen Fotoapparat umgehängt, mich in Ladys Sattel geschwungen und wir sind durch die goldenen Wälder geritten. Von Ladys Rücken aus habe ich alles Gelb, Orange und Rot fotografiert. Und noch etwas kann meine Kamera: Ich kann Videos mit ihr drehen, und so habe ich einfach Subjektiven unseres Rittes gefilmt. Von Ladys Ohren hinauf in die Baumwipfel, wieder langsam hinunter, ein Schwenk nach rechts, wo eine leuchtende Buche ihre Blätter flirren ließ, dann wieder die Schritte meiner Lady, die mit ihren Hufen das unten liegende Herbstlaub durchmengt.

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Ein Weg wie ein Gang durch eine Kathedrale der Natur.

Diese Fotos und diese Videos (ich kann sie Ihnen leider hier nicht hochladen) werde ich mir an dunklen nassen kurzen Dezembertagen ansehen, und sie werden mich wärmen. Ich werde dann das Rauschen der Blätter hören, den wiegenden Schritt meiner Lady spüren und den feuchten Wald riechen. Und wie Frederick krabble ich dann im März aus meiner geistigen Höhle heraus und lasse die warme Sonne auf meine blasse Haut scheinen. Die Märzsonne ist immer eine Verheißung des kommenden Sommers. Auch wenn die Buchen, Lärchen und Eichen dann noch wie Skelette aussehen. Aber sicher sitzt dann auch Frederick auf seinem warmen Stein und genießt die Frühlingssonne und die Schneeglöckchen, die sich unter seiner Steinmauer hervorschieben.

Liebe Leser, haben Sie keine Angst vor dem trüben November. Der Dezember ist meist noch viel dunkler. Sammeln Sie nun soviel sie können und das leuchtende Gelb-Rot der Buchen wird sie durch den Winter bringen.

Herzlich Ihre

Andrea Klasen

PS: Besuchen Sie auch meine erneuerte Homepage: http://www.wortmanufaktur.info

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Lady liebt den Herbst. Mit dem Fellwechsel bekommt sie ihr rotes Winterfell.