Nur wer reinen Herzens ist…

by Andrea Klasen

Liebe Rosinensucher und Perlenfinder,

heute ist Heilig Abend. In meinem Leben immer einer der schönsten Tage des Jahres. Ich habe das große Glück, immer noch mein “Kinderweihnachten” feiern zu dürfen. Gemeinsam mit meinen Eltern und meinen beiden Geschwistern. In meiner Familie wird gerne und viel geschenkt. Während des Jahres und besonders an Weihnachten. Noch immer schreiben wir Kinder Wunschzettel, die wir spätestens Anfang November auf das Fensterbrett der elterlichen Küche legen. Meist abends, damit das Christkind sie in der folgenden Nacht im Schutz der Dunkelheit sogleich einsammeln kann. In diesem Jahr habe ich nur einen Wunsch: Im Juni, wenn die Tage lang, hell und endlos sind, mit meiner Stute Lady wieder durch die Eifel zu wandern. Wir zwei ganz allein in einer menschenleeren Landschaft, in der man seinen eigenen Herzschlag wieder hört, Wünsche und Träume an die Oberfläche kommen, die sonst durch zuviele Pflichten, Lärm und Abgabefristen von Manuskripten zubetoniert werden. In der Eifel sind Lady und ich uns im letzten Juni in Reinform begegnet. Dass sie in der Gestalt eines Pferdes lebt und ich im Körper eines Menschen, das ist unerheblich. Lady ist mir so nah wie sonst kaum ein Wesen. Sie ist meine beste Freundin, meine Schwester und ich weiß, dass sie jedes meiner Gefühle und jeden meiner Gedanken versteht und niemals darüber urteilen würde.

Eine Tierkommunikatorin hat uns einmal gesagt, dass wir beide schon immer verbunden sind und schon viele Leben miteinander verbracht haben. In einem sind wir sogar Seit’ an Seit’ gestorben. Ich weiß nicht, ob das mit den gemeinsamen Vorleben stimmt, aber es fühlt sich so an. Ziehe ich das in Zweifel, wirft mir Lady einen strafenden Blick zu. Sie urteilt nicht, sie lenkt.

Bei Lady darf ich immer so sein wie ich bin. Sie hat wie alle Pferde, die mit Menschen zusammen sind, nur einen Wunsch: dass ich ehrlich zu meinen Gefühlen stehe und mich ihr gegenüber niemals verstelle. Inkongruenz können Pferde schlecht aushalten. Wer lacht wenn er lieber weinen möchte, dem hilft ein Pferd dabei, dass sich die angestauten Tränen freien Lauf bahnen. Indem es uns beispielsweise sanft in den Bauch zwickt, damit wir wieder zu uns kommen oder während eines Ausrittes oder eines Spazierganges stehenbleibt und uns so prüfen will: “Möchtest Du wirklich jetzt ausreiten und mit mir zusammen sein? Du bist mit den Gedanken ja ganz woanders. Mit einem seelenlosen Körper auf meinem Rücken gehe ich keinen Schritt weiter. Besinne Dich oder lass uns zurückgehen. Ich habe in meiner Herde genug anderes zu tun.”

Die Pferde wünschen sich immer, dass wir in uns hineinhorchen und endlich wieder einmal innehalten. Sie selber leben immer im Augenblick und sie möchten uns zeigen, wie schön das Leben ist, wenn wir uns ganz auf den Moment einlassen. Ich habe oft das Gefühl, dass die Pferde es als ihre Aufgabe sehen, uns wieder diese Lebensqualität zu vermitteln: “Sei Du selbst, schau, in welch silbernes Licht der Vollmond alles taucht, lass Dich verzaubern, wirf die Zweifel über Bord und vertrau Dich meiner Kraft an und unsere Körper werden eins. Genauso unsere Gedanken.”

Als ich von Lady wissen wollte, was sie sich für unseren Wanderritt im vergangenen Juni wünscht, da hat sie mir zu verstehen gegeben, dass sie mich in ihren Rhythmus schaukeln will. Allzu oft, so beschreibt sie es, komme ich von einer grauen Hülle umgeben zu ihr, die erst abfällt, wenn sie mir zur Begrüßung die Hand abschleckt oder mich mit ihren tiefen sanften und mütterlichen Augen ansieht, und so das Wasser auf dem Grund meiner Seele klar und ruhig wird.

In Ladys Gegenwart weiß ich, was der Sinn des Lebens ist und ich weiß, welches Geschenk des Himmels dieses Pferd ist.

Die Pferde sind seit über 6000 Jahre an unserer Seite. Ohne ihre Kraft wären wir Menschen heute nicht da, wo wir sind. Die Pferde haben es uns ermöglicht, weite Strecken zurückzulegen, uns bei der Feldarbeit zu helfen und leider Gottes sind sie auch mit uns in Kriege gezogen. Wer wäre Alexander der Große ohne seinen Hengst Bucephalos? Napoleon Bonaparte ohne seinen Araber Marengo? Dick Turpin ohne seine Vollblutstute Black Bess? Die Pferde tragen uns. Mit ihren Körpern und ihren Seelen.

In diesem Jahr ist es mir schwer gefallen, in Weihnachtsstimmung zu kommen. Vielleicht weil es so warm ist, vielleicht weil die Schneelandschaften meiner Kindheit in meiner Heimat Wittgenstein nur noch ferne Erinnerung sind, vielleicht, weil während der Adventszeit überhaupt keine Ruhe Einzug in mich fand und vielleicht, weil die Menschen da draußen immer kälter und egoistischer werden. Jeder ist auf seinen Vorteil bedacht, jeder will Schnäppchen machen, den günstigsten Handyvertrag abschließen und alle anderen Autofahrer sind Idioten. Wo bitte sind wir gelandet? Ich sehne mich nach Rücksicht, Menschlichkeit und einem Gemeinschaftsgefühl, um mich endlich wieder als ein Mensch unter Menschen zu fühlen.

Dass es noch Menschen gibt, in denen eine Herzenswärme flackert, habe ich ausgerechnet in einer großen Dortmunder Einkaufsgalerie spüren dürfen. Auf der verzweifelten Suche nach einem Laden, der reißfestes weihnachtliches Geschenkpapier verkauft, gelangte ich plötzlich an eine Art Reling, von der aus ich einen Blick ins sogenannte “Basement” wie es ja heute heißt, hatte. Ich traute meinen Augen kaum: Dort standen große Pferde aus Plüsch, aufgestellt in Hufeisenform. Gesattelt und getrenst warteten sie auf Kinder.

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Erwartungsvoll schauten sie über den Zaun, der sie einfriedete. Stolz blickten sie drein, so als wollten sie alle Vorbeieilenden einladen, sich ihrer grenzenlosen Kraft und ihrer Weisheit anzuvertrauen. Ich fühlte mich in diesem Moment wie die kleine Andrea, die jedes Jahr mindestens einmal mit ihrem Opa, einem Seemann,  auf der Kirmes in Hagen nach den Pferden suchte, sie in einer abgelegenen, etwas ruhigeren Ecke fand, die ihren Duft und den des Sägemehls in sich aufsaugte und die sich so sehr wünschte, auf dem Rücken eines dieser Ponies sitzen zu dürfen.

Sie alle waren immer so bunt und verschieden wie die Welt. Es gab Schecken, Braune, Ponies mit schwarzen Punkten, alle sehr gepflegt, die ihre Runden drehten und Kinder glücklich machten. Sogar die Kinder, die vorher aufgedreht waren und aller Welt zeigen wollten, wie toll sie zu Pferd aussehen, die wurden häufig ganz still, während sie auf die Ohren ihres Ponies schauten, ihre Hände in den langen sich wiegenden Mähnen vergruben und durch das sanfte Schaukeln in andere Dimensionen gelangten. Auf dem Rücken eines dieser Pferde wurden die Geräusche der Fahrgeschäfte, die Aufforderung der Eltern, doch mal in die Kamera zu schauen und zu winken, vollkommen unwichtig. Wichtig war es, dem Pferd ein guter Mensch zu sein, es in seinen Bewegungen nicht zu stören und ihm in diesem Moment alle Liebe zu schenken, die es als Kirmespony braucht, um seinen sicher mühsamen Job auszuhalten.

Wie oft saß ich auf einem dieser Ponies und ich ritt nicht etwa in der engen Manege einer Großstadt, sondern flog an den Wolken vorbei, jagte die Schaumkronen eines empörten Meeres während die Mähne meines Pferdes mir ins Gesicht wehte.

Ich folgte dem Geruch des Sägemehls, verließ die erste Etage der Galerie mit der Rolltreppe und gelangte ins Erdgeschoss. Ich war bei den Pferden. Am liebsten hätte ich zu jedem einzelnen eine Lebensgeschichte erfunden. So lebendig waren sie für mich. Ich berührte den Hals eines der Tiere. Es war so, als neige es den Kopf zu mir herunter und berührte hauchzart mit seinen weichen Lippen meinen Handrücken. Die Liebe der Pferde ist so sanft und zärtlich.

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Auf einmal sah ich, dass sich auch ein Einhorn in der Reihe der Pferde befand. Es trug einen weißlich rosa farbenen Umhang mit einer Krone darauf. Einhörner bekommt man höchst selten zu sehen. Meist an kristallklaren Seen, wo sie während des Trinkens kurz aufblicken, einen ansehen und dann schon wieder verschwunden sind. Einhörner sind Wesen, die nur der sieht, der reinen Herzens ist und einfangen lassen sie sich nur von jungfräulichen Mädchen. Da stand es also, inmitten der anderen Pferde, weit und breit kein See, keine Elfen, nur hetzende Menschen mit vielen Tüten am Arm und einem Smartphone am Ohr. “Na das ist mal ein modernes Einhorn”, dachte ich mir, “das sich überwunden hat, die Schönheit für ein Weilchen hinter sich zu lassen, in die Dortmunder Innenstadt zu traben, um hier Kinder glücklich zu machen.” Erwartungsvoll stand es da. Ich entdeckte ein Schild: “5 Minuten reiten 2 Euro. Zehn Minuten reiten 4 Euro. Bitte achten Sie selber auf die Zeit.”

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Ich ging zu dem Zebra hinüber, das auch bereitstand. In diesem Moment wurde es ganz still. Die verkaufsbegleitende Musik des Einkaufscenters verkam zu einem bedeutungslosen Brei, die Absätze der vorbei eilenden Menschen hörten auf zu klappern und ein Einhorn betrat würdevoll die Bühne. Alle Einkaufenden wichen ihm unbewusst aus, ohne zu bemerken, dass sie soeben dem edelsten der Fabeltiere begegnet waren. Doch das Einhorn schritt königlich. Auf seinem Rücken ein dunkelhaariges Mädchen, das mit aller Behutsamkeit die Pedalen seines Equiden durchtrat, damit das Einhorn sich einer Raupenbewegung gleich nach vorne schon. Mit aller Vorsicht saß das Mädchen auf dem Rücken des Tieres. Niemals hätte es an den Zügeln gerissen, wenn das Einhorn welche getragen hätte. Niemals hätte es über die Geschwindgkeit seines Reittieres bestimmen wollen, niemals hätte es die Eigenheiten des Einhorns in Bahnen lenken wollen. Dieses kleine Mädchen war reinen Herzens und ohne Erwartungen an das Einhorn. Es ritt durch eine Landschaft voller Schmetterlinge und duftender Blumen, wo die Grillen zirpen und das Einhorn an einem blauen See seinen Durst stillt. Ich setzte mich auf eine der Bänke und sah den beiden zu. Dieses Mädchen hatte das Wesen der Pferde und das der Einhörner verstanden.

Glücklich verließ ich die überheizte Galerie und wieder an der frischen Luft galoppierten Bucephalos, Marengo und Black Bless an mir vorbei. Angeführt von meiner Lady, dem schnellsten aller Pferde. Einige Einhörner folgten.

Meine lieben Leser. Ich wünsche Ihnen von Herzen ein segensreiches Weihnachstfest. Und vielleicht haben Sie das Glück jetzt bei Vollmond, ein silbern schimmerndes Einhorn auf einer Waldlichtung grasen zu sehen. Einhörner lieben die Vollmondnächte und Menschen, die sie sehen.

Herzlich Ihre Andrea Klasen