Glitzerschuh sucht Aschenbrödel

by Andrea Klasen

 

Liebe Rosinensucher und Perlenfinder,

ich bin eine Frau. Auch eine Pferdefrau. Aber eben auch eine Frau. Durch das Zusammensein mit meiner wunderbaren Stute Lady habe ich raue Hände mit eingerissenen Stellen, in die sich wintertags Ladys Staub häuslich niederlässt. Meine Fingernägel sind in der Regel kurz, um dem Schmutz des Stalles nicht viel Unterschlupffläche zu bieten, und meine Haare sind vom Winde zerzaust, da auf unserem Pferdehof ganzjährig meist eine steife Brise weht. Im Winter sind wir Pferdefrauen durch Mützen und Schals so vermummt, dass man den Menschen nur an seinem pferdischen Begleiter erkennt.

Zuhause lebe und wirke ich als Autorin, die die Morgenstunden so liebt, dass ihr die Minuten im Bad für das tägliche Restaurieren als nutzlose Zeitverschwendung erscheinen. Ich schreibe sowieso lieber in meinem grau-weiß gepunkteten Fleecebademantel, den mir die Mutter meines Freundes geschenkt hat. Dem Postboten stelle ich eine Plastikbox hin und er legt brav, ohne zu klingeln, meine größere Post hinein, denn aufmachen würde ich in dieser Aufmachung nur engsten Vertrauten. Oder Lady, wenn sie denn vorbeikommen wollen wollte.

Man trifft mich an normalen Tagen also entweder in Reitklamotten oder bis mittags im Bademantel. Manchmal aber, ganz selten, aber doch manchmal, meldet sich die glamouröse Seite in mir. Dann allerdings mit voller Wucht.

Diese Seite von mir klopft immer ungehalten an meine Herzenstür, meist wenn ich mich bei einem Autorentreffen in Köln befinde, das alle drei Monate stattfindet (im Dezember glücklicherweise in Dortmund). Bin ich stark, dann fahre ich nach dem Treffen sofort brav nach Hause. Doch allzu oft laufe ich wie ferngesteuert mit einem zufriedenen Grinsen durch die Hohe Straße in Richtung Galeria Kaufhof. Mich interessiert nur die untere Etage, da das Shoppen nicht gerade zu meinen Lieblingsbeschäftigungen gehört, ich aber in Köln der Versuchung im Wissen des reichhaltigen Angebots der Galeria im ebenerdigen Geschoss nicht wiederstehen kann.

Und auch diesmal Volltreffer: Als ich vor dem Regal meiner bevorzugten Schuhfirma stehe, glitzern sie mich an. Ohne zu überlegen strecke ich meine Hand nach ihnen aus, halte Ausschau nach möglichen Konkurrentinnen, die sie auch entdeckt haben könnten, bin jedoch alleinige Bewunderin und reiße sie aus dem Deko-Regal. Ich streife meine Winterschuhe ab, und lasse den schwarzen Glitzerschuh Heimat an meinem Fuß finden. Er passt. Übereilt stürze ich zur Kasse. Auch hier keine weiteren Anwärterinnen auf den Schuh der Schuhe, den anscheinend niemand außer mir erkannt und entdeckt hat.

Nach dem Bezahlen haste ich hinüber in die Strumpfhosenabteilung, stehe ratlos vor der großen Auswahl feinster Garne, entdecke eine sehr hübsche ernst zunehmende Verkäuferin, der ich meine Glitzerschuhe zeige und das Kleid, das ich unter dem Mantel trage, entblöße: ein dunkelblaues fein gewebtes Strickkleid, eng anliegend, schlicht, ohne Ausschnitt. “Ich möchte nächste Woche in die Oper gehen, in La Traviata, und brauche nun zu Kleid und Schuhen die passende Strumpfhose.” Ich wollte eine von FALKE, da diese Marke in meiner geliebten Heimat hergestellt wird und ich Patriotin bin. Die Verkäuferin maß meine Größe mit den geschulten Augen ab, und sah gedanklich vor sich, was ich vor mir sah: Glitzer und Arien. Zielsicher öffnete sie eine der großen ohne zu stocken sanft gleitenden Schubladen. “So etwas würde perfekt passen.” Sie schob ihre rechte Hand in ein Strumpfhosenmodell und fächerte die sorgsam gewebten Fäden auseinander. Nicht einer der Fäden ging kaputt und ich beneidete sie um ihre weichen gepflegten Hände. Es war die perfekte Strumpfhose, die den Übergang zu Kleid und Schuhen bilden konnte: in einer Andeutung blau, elegant, filigran, weiblich. Ich hörte schon die Stimme der noch glänzenden Violetta, die bald zur Traviata werden sollte.

Ich versteckte die Schuhe in meinem Schrank. Mein Freund, der mich in die Oper begleiten würde, sollte sie erst sehen, wenn ich vollkommen herausgeputzt sein würde, mit gold schimmernden Haaren, geheimnisvollem Lidschatten und roten Lippen.

Der Tag der Verwandlung kam. Um halb sieben wollte ich mich mit meinem Freund an einem Parkplatz in Herdecke treffen. Von dort wollten wir gemeinsam ins Dortmunder Opernhaus fahren. Zwei Stunden nahm ich mir, um mich von der Pferdefrau in die Frau zu verwandeln. Es war eine Kernsanierung. Danach saß die Frisur ausnahmsweise perfekt, der Pony fiel weich schwingend über die linke Augenbraue, mit Glitzerpuder hatte ich meine Lider einer Filmdiva gleich in Szene gesetzt, der Nagellack war so effektvoll und doch dezent wie der Glitzerschuh, den ich nun, fünf Minuten vor Abfahrt, bereits durch Kleid, Strumpfhose und besagtes Opern-Make-up in eine Göttin verwandelt, wieder anlegen wollte, an meine beiden Füße, die nach Mandelöl dufteten.

Ich hörte mich im nächsten Moment hysterisch aufschreien, während ich an mein Make-up dachte und die heranströmenden Tränen noch gerade zurück halten konnte: die Schuhe passten nicht mehr. Sie waren mindestens einen Zentimeter zu groß. Die Wahrheit verachtend rannte ich ins Bad und stopfte allerlei Hygieneartikel der Frau hinein, doch immer schlappte ich heraus, als ich sie wieder und wieder probierte. Meine Füße mussten in Köln durch das lange Sitzen im Konferenzraum und durch das Laufen in der immer erhitzten Stadt angeschwollen sein. Meine mich treu begleitende Schuhgröße war eine Lüge gewesen. Auf was konnte man sich noch verlassen, wenn noch nicht einmal mehr darauf?!

Was half es. Ich musste los. Mein Freund wartete. Ich packte die Glitzerschuhe in die Tasche, um ihm zu zeigen, wie nah ich an der Gestalt einer Göttin gewesen war und zog die flachen Schnürstiefel an, die an die kleine Hexe von Ottfried Preußler erinnerten. Die Tränen unterdrückend kam ich am Parkplatz an. Mein Freund lief mir entgegen. Er trug seine schönen schwarzen Lederschuhe, die er immer bei feierlichen Anlässen trägt. Sie glänzten wie Ebenholz. Und ich wollte die weibliche Entsprechung dieser Schuhe daneben stellen, am Arm meines Freundes von allen Seiten bewundert durch das Portal des Opernhauses schweben. Einmal glitzern, von Fuß bis Kopf.

Mein Freund glitt elegant auf den Beifahrersitz und sah an meinem derangierten Blick sogleich, dass Schreckliches geschehen sein musste. Ich zog einen der Glitzerschuhe aus meiner Handtasche, die ich in all dem Ungemach nicht mehr gegen eine dem Anlass ebenbürtigen ausgetauscht hatte. Immerhin war in dieser großen Alltagshandtasche Platz für mein Fernglas, mehrere Marzipaneier für die Pause und Taschentücher für Vorspiel und Oper. Ich drückte meinem Freund den Glitzerschuh in die Hand. “Sie passen nicht mehr. E I N M A L wollte ich schön sein.” “Aber Du bist doch schön.” “Neeeeeeiiiin!” Ich schluckte ein weiteres mal die Tränen herunter und fuhr los.

Als wir an der Oper ankamen, hatte es zu regnen begonnen und ein Windstoß zerstörte die perfekte Welle meines Ponys. Ich stülpte meinen gewalkten taubenblauen Mantel über meinen Kopf und rannte mit den anderen Besuchern zum Portal der Oper, wo ein eisiger Wind durch die Schleuse zog. Meine nur von der hauchzarten Strumpfhose bedeckten Beine bekamen eine Gänsehaut. Die Hexenschuhe waren voller Schlammspritzer. Ich fand erst Frieden, als ich ein Marzipanei gegessen hatte, der Vorhang sich langsam hob und es dunkel im Zuschauerraum wurde. Nun waren meine Hexenschuhe nicht mehr zu sehen. In meiner Handtasche glitzerten die untreuen Märchenschuhe weiter vor sich hin.

Die Aufführung war wunderbar und als Violetta ihrem Alfredo, schon stark von ihrer todbringenden Krankheit gezeichnet, ihre grenzenlose Liebe kraftvoll schmetternd erklärte, da verschwand auch der Rest meines aufwendigen Make-ups. Als wir zurück zum Auto gingen, taten die Hexenschuhe einen guten Dienst. Die Glitzerpumps hätten die vielen Pfützen und den peitschenden Regen nicht so gut überstanden…

Am nächsten Morgen – noch bevor ich meinen ersten Schluck Tee getrunken hatte, den Bademantel trug ich schon, – bestellte ich die Glitzerschuhe im Internet. Eine Größe kleiner und um die Hälfte billiger. Am nächsten Tag schon hielt ich sie in den Händen. Sie passen perfekt und warten nun auf ihren Auftritt.

Größe 38 ist seitdem auf der Suche nach dem passenden Fuß. Freundinnen und Bekannte haben sie probiert, aber sie passten nicht. Nun biete ich sie im Internet an. Vielleicht meldet sich Cinderella bald per Mail, und das Märchen vom Glitzerschuh nimmt doch noch ein gutes Ende für alle Glitzernden.

Mein Fazit aus diesem tränenreichen Akt: Kaufen Sie lieber nur morgens Schuhe, und machen Sie vor dem Opernbesuch immer eine Generalprobe.

Mit herzlichen Grüßen Ihre

Andrea Klasen