Lieber Sommer – Abrechnung einer unerfüllten Geliebten

by Andrea Klasen

Liebe Rosinensucher und Perlenfinder,

nun umflirrt sie uns, die Sahara-Hitze. Ein bisschen spät wie ich finde. Deshalb schreibe ich an dieser Stelle, am 24. August des Jahres 2016 einen Brief an den Sommer. Betreff: Was fällt Dir eigentlich ein?!

Lieber Sommer,

nun bist Du da. Und tust so, als wärst Du nie weg gewesen. Und ich falle Dir, dumm wie eine unerfahrene Göre, um den Hals. Wochenlang hast Du mich gefrieren lassen und doch habe ich Dich vermisst… Und nun kommst Du mit voller Wucht. Das ist Dein Wesen. Ginge es nicht auch mal langsam steigernd? Dein Kommen ist immer genauso abrupt wie Dein Gehen. Und ich weiß nie, wann ich Dich wiedersehe.
Deine Gespielinnen, die Grillen, die lässt Du zirpen, damit ich die Erinnerung an Dich auch in der kältesten Sommernacht nicht vergesse. Während dieser betörenden Grillen-Konzerte blicke zu meinem Quittenbaum.
Ich frage mich ernsthaft, ob die sieben Früchte, die an ihm hängen, so hart sein werden wie in all den Jahren zuvor, oder noch härter, weil sie schlicht erfroren sind und ich eine Motorsäge brauchen werde, um die zur Faust geballten Früchte zu öffnen.

Lieber Sommer, bilde Dir bloß nicht ein, ich hätte an Deiner Abwesenheit gelitten. Zwischendurch dachte ich, dass ich auch gut ohne Dich leben könnte, und diese ewige Sehnsucht nach Dir über Bord werfen kann.
Furchtlos bin ich im Juli bei 13 Grad Celsius im 23 Grad kalten Wasser des Elsebades geschwommen. Bei Nieselregen, der im 45°-Winkel zur Erde niederging. Ich war die einzige im Bad. Ich habe die Zähne schlotternd zusammen gebissen, als ich aus der wohlig warmen Dusche hinaus in die sommerliche Kälte getreten bin. Wo warst Du da? Ich hätte Dich gebraucht!
Unter schwarzen Wolken bin ich meine Bahnen gekrault, bloß nicht stoppen, dann wird der nasse Kopf so kalt. Dann spürt man die Nieren so sehr, und die kalten Füße, mitten im Hochsommer.
Weißt Du, Sommer, Ende Mai, da hatte ich noch Hoffnung, dass Du bald wieder da sein wirst. Und bleibst. Als ich an einem Vormittag im Elsebad schwimmen wollte, da schaute ich auf die mit Hand geschriebene Infotafel am Eingang des Bürgerbades und sah nur eine Zahl: 27.5 stand da. Mein Herz machte einen Sprung: Du bist da, fuhr es wie ein zitternder Schauer durch mich. Komisch war nur, dass mein Außenthermometer, – etwa zwei Kilometer vom Bad entfernt -, eine ganz andere Zahl angezeigt hatte. Eine viel kleinere. Na ja, die Klimaerwärmung, dachte ich, ist vielleicht erst bis zum Elsebad vorgedrungen. Durch die Felder bis zu mir dauert es sicher noch. Strahlend sah ich die Kassiererin an: „Dass es hier so warm ist!“
„Nein, nein“, erwiderte sie. „Das ist doch das Datum von heute. Drunter stehen die Werte: Wasser 21, Luft 19 Grad.“ „Ach so.“ Nur mit Mühe konnte ich meine Tränen zurück halten. Wie die Wellen einer empörten See wollten sie durch die Kaimauer brechen.
Wie kannst Du meinen Geist so verwirren, Du treuloser Sommer? Mich in eine solch peinliche Lage bringen? Ich sehe schon rosarot. Damit Du es weißt: An diesem Tag bin ich viel getaucht, weil das Wasser ein klein wenig wärmer war als Deine Luft.

Lieber Sommer, ich soll Dir auch herzliche Grüße von meinen Schildkröten bestellen. Sie sind enttäuscht! Statt dass sie täglich in Deinen Strahlen baden, pfeift ihnen wochenlang der Wind um die kleinen Köpfe. Sie konnten nur noch eiligst Zuflucht in ihrer unterirdischen Höhle finden, wussten nicht, ob Du überhaupt nochmal wiederkommst, ob sie eine Übersiedlung nach Griechenland vorbereiten sollen, oder lieber doch nur einen verfrühten Winterschlaf einleiten.
Mein lieber Sommer, sag mal, bist Du noch ganz bei Trost? Wie kannst Du die Schildkröten so verprellen? Sie brauchen Dich, sie leben in den warmen Monaten von der Fülle der Welt. Sie drehen jedes Blatt dreimal um, berauschen sich am Duft der Blüten und genießen die Schönheit der warmen Monate. Von was sollen sie denn träumen, wenn sie ab November Monate im Kühlschrank liegen? Mit welchen wohligen Erinnerungen sollen sie diese karge Zeit des Winterschlafes überstehen? Und jetzt erschreckst Du sie mit dieser Flimmerhitze. Auch sie brauchen eine langsame Steigerung, um in Stimmung zu kommen. Sie sind doch keine Schnellkochtöpfe!

Lieber Sommer, ich soll Dich auch von meinen Rosen fragen, ob Du sie noch alle hast?!
Wochenlang haben sie sich auf ihre Blüte vorbereitet, vorsichtig die fragilen, betörend duftenden Knospen geöffnet, und als sie Dir mit aller Vorsicht ihre Zerbrechlichkeit entgegenstreckten, da war da nichts mehr als eine eisige Brise, ein schüttelnder Wind, der sie zweifeln ließ, ob sie überhaupt im richtigen Film sind. Biorhythmus, sagst Du, sei überholt? An was sollen wir uns denn sonst noch festhalten, wenn die Welt dabei ist, aus den Fugen zu geraten? Du verprellst langsam mein Vertrauen. Auch eine Geliebte braucht ein wenig Beständigkeit.

Apropos „richtiger Film“. Mein lieber Sommer, ja, Du weißt, dass Du unzuverlässig bist, wankelmütig, komm’ ich heut’ nicht, komm’ ich morgen. Ist schon klar. Dennoch hast Du ein Gespür dafür, wann Dein Erscheinen wichtig für den weiteren Verlauf unseres Verhältnisses ist. Am 5. August war Kinonacht im Elsebad, und siehe da, Du hast alle Register gezogen, mir und uns einen Überraschungsbesuch abgestattet, obwohl Gewitter und windige Schauer gemeldet waren. Im richtigen Moment hast Du Dich mal wieder sehen lassen, und uns eine sternenklare Nacht beschert. Die Nacht des 5. August war eine, in der ich wieder an Dich glauben konnte, ich konnte Dich spüren, wenn ich meine Hand nach Dir ausgestreckt habe, Du warst warm, Du warst gut gelaunt und Du sagtest: „Man lebt im Augenblick.“ Ich nahm Deine Hand, während auch der zweite Teil des Filmes weiter unter freiem Himmel gezeigt werden konnte, und glaubte wieder an das Glück. Dass Augenblick auf Augenblick folgt und Du mich niemals verlässt. Doch am nächsten Morgen war da nur eine kühle Kuhle auf dem weißen Laken und ich wieder allein.

Und wieder beginnt das Warten: Das kann doch nicht alles gewesen sein.
Ja, mein lieber Sommer, das Warten verlangst Du uns ab. Eine Geliebte, der die Geduld für das Warten fehlt, ist nichts für Dich. Du brauchst eine Frau, die zu Dir steht, im Sturm, im Regen und im prasselnden Schauer, der auch mal zwei Stunden dauern kann. Eine mit Durchhaltevermögen, eine, die Dir alle Freiheiten lässt. Die glaubt und hofft und weiß. Die weiß, dass sie vergeben, aber nie vergessen kann.
Aber was ändert das? Die Hoffnung ist mein Elixier. Ich bin eine ratlose Geliebte.
Ich könnte Dich mit dem Herbst betrügen oder den Winter heiraten. Doch Du hast mir das Mittelmaß abgewöhnt, und ich verachte die Bescheidenheit, seit wir uns begegnet sind.
Aber weißt Du was? Wenn ich richtig wütend bin, dann hört diese Verblendung auf, dann nehme ich die rosa Brille ab und verfluche Dein hitziges Temperament, Deinen extremen Charakter, Deine müde machende Stickigkeit am Mittag und Deinen verbrauchten Atem am Abend.
Doch wie liebe ich Dich wieder am Morgen…
Aber wie viele liebliche Morgen hast Du mir denn eigentlich geschenkt? Wenn ich die Tür aufgemacht habe, um meine Zeitung zu holen, da schwirrten nur kalte Moleküle umher, und nur die aufgeplusterten Vögel sangen noch vom Sommer.
Und wie traurig ist es, wenn man im Juli Dahlienzwiebeln kauft, auf der Packung steht, dass man sie nach dem ersten Frost in die Erde legt, und die Verkäuferin einem an der Kasse dann aber sagt: „Die können Sie auch jetzt schon einpflanzen. Aber gut wässern.“
„Kein Problem“, dachte ich mir. „Die Regentonnen sind ja voll.“
„Ist das etwa nichts?“, fragt Du mich von oben herab und lässt ein Gewitter auf mich niederrauschen. Ich gebe mich geschlagen. Du hast ja so recht. Deine Abwesenheit erspart mir das anstrengende Schleppen der Gießkanne. Alles nur eine Sache der Einstellung.

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Marias Postkarte. Sie verursachte einen übel schmeckenden Kloß in meinem Hals. Wie viele Frösche muss eine Geliebte schlucken?

Und ich hätte skeptisch werden sollen, als meine Freundin Maria mich mit der traurigen Wahrheit in Form einer Postkarte wachrütteln wollte. Sie als meine Freundin sah doch, wie ich litt.  Auf der Karte stand: „Ich liebe den Sommer. Das ist die schönste Woche im Jahr.“
Sie könnte von Dir sein, Du blöder Sommer, um mich loszuwerden, aber so ehrlich bist Du nicht, Du ewiger Versprecher, Du Lügner, Du untreue Jahreszeit.

Und dennoch werde ich Dich wie jedes Jahr im Herbst zum Flughafen begleiten und Dich verabschieden wie eine erfüllte Geliebte es tun würde. Obschon ich weiß, dass Du Dich über den Winter wieder einmal mit Deinen brasilianischen Gespielinnen vergnügst.
„Es wird Ende Mai werden, dann aber nur kurz“, hauchst Du mir ins Ohr, und gehst, ohne Dich noch einmal umzudrehen.
„Komm wieder zurück, Du launischer Geliebter“, denke ich Dir hinterher und hoffe auf einen schönen Herbst, der Ersatz, aber niemals Konkurrenz für Dich sein könnte.
Aber eines sage ich Dir: „Zieh’ Dich warm an, wenn Du wiederkommst. Das werde ich auch tun!“

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Um die lange Zeit ohne den Sommer zu überstehen, werde ich in diesem Jahr “Maus” tragen. Sie sind kuschlig und warm, so wie man sich die Haut des Geliebten wünscht. Sie wundern sich über meinen ungewöhnlichen Geschmack? Andere tragen Fuchsbeine um den Hals. Ich Maus!

 

Nun, liebe Leser, verzeihen Sie mir meinen heftigen Ausbruch, aber auch eine unerfüllte Geliebte muss mal ihr Schweigen brechen. Danke fürs Zuhören, sage ich unter Tränen. Glauben Sie dem Sommer nicht, was er verspricht. Sie sehen ja, wohin das führt…

Herzlich
Ihre Andrea Klasen