Nur zur Weihnachtszeit…

by Andrea Klasen

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Liebe Rosinensucher und Perlenfinder,

man könnte vernünftig sein und alle Weihnachtsgeschenke schon im Oktober kaufen, oder sie gar während des gesamten Jahres über sammeln. Doch käme man dann in Weihnachsstimmung? Muss es nicht so sein, dass man, eingezwängt in dicken Daunenjacken, in endlosen Schlangen völlig überheizter Kundenräume der Deutschen Post steht, bepackt mit sperriger Weihnachtspost, vom eigenen Schal stranguliert, man die sonst lebensrettende Wollstrumpfhose und Angora-Unterwäsche in dieser Hitze verflucht, während man nach seinem Geldbeutel sucht, der doch in einer der unübersichtlichen Taschen der Winterjacke sein muss? Und ist es nicht so, dass an vielen Orten kurz vor Weihnachten ein gemeinsamer Geist spürbar ist? Ein Geist der Zusammengehörigkeit, ein Geist der Schönheit? Ein Geist der Vorfreude?

Als ich vorhin mein Auto betankte, um genug Treibstoff für die Fahrt am Samstag zu meinen Eltern in meine geliebte Heimat Wittgenstein zu haben, da wünschte ich meiner Tankwartin “zauberhafte Weihnachten”. Sie gab mir den Kassenzettel, als eine muffige Geruchs-Schwade ihres feucht gewordenen Hundes, der immer unter dem Tresen schläft, zu uns heraufstieg, im Radio auf WDR 5 ein Bericht über das zerstörte Aleppo lief, und sie antwortete: “Das wünsche ich Ihnen auch. Eine gesegnete Weihnacht. Und dass wir noch lange in Frieden leben dürfen.” Ich nahm mein Portemonnaie von der BILD-Zeitung herunter, die nach dem Anschlag in Berlin mit großen Lettern titelte: ANGST und antwortete ihr: “Das wünsche ich mir auch. Dass wir noch lange in Frieden leben dürfen.” Wir nickten uns zu und ich ging durch den Schlauchraum Richtung Tür. “Gute Fahrt”, rief sie, und das sagt sie immer zum Abschied, und jedes Mal denke ich dann: “Sie weiß doch, wo ich wohne. Zwei Kilometer entfernt von ihrer Tankstelle?!” Ihr Abschiedssatz verwirrte mich jedes Mal ein wenig. Sollte ich statt der zwei Kilometer zu meinem Wohnhaus lieber raus in die Welt fahren? Etwas nachdenklich verließ ich jedes Mal eilig den Verkaufsraum, um nicht mit meiner Abenteuerlustlust konfrontiert zu werden.

Diesmal jedoch blieb ich stehen, während sie mir eine “Gute Fahrt” wünschte, und drehte mich noch einmal zu ihr um. Sie war so klein, dass sie hinter dem Tresen fast ganz verschwand. Durch ihre großen Brillengläser sah sie mich an. Ich wollte hier für immer stehenbleiben, weder zu meinem Wohnhaus, noch in die Welt. Das erste Mal fühlte ich mich wohl in diesem engen Schlauch. Meine Füße standen fest auf dem Boden und die Zehen waren zu ihr gedreht. Der Verkehr draußen war nur noch ein entferntes Rauschen, und ich hatte auf einmal das Gefühl, dass meine Tankwartin mehr als nur Benzin und Diesel in ihren großen unterirdischen Tanks lagert, und dass ihr kleiner in die Jahre gekommener Verkaufsraum vielleicht mehr als ein nach feuchtem Hund riechender Ort ist. Noch immer sah ich sie an. “Gott schütze sie”, sagte sie zu mir, und ich spürte, wie ein Schauer durch meinen Körper lief. “Ja, Gott schütze Sie auch”, hörte ich mich sagen, und ärgerte mich über diesen Satz, den auszusprechen mir irgendwie nicht zustand. Es war ihr Satz und ich sollte nur empfangen. Ich schlug die Augen nieder, und als ich meinen Blick wieder hob, stand sie nicht mehr hinter ihrer Verkaufstheke. Nur noch der Duft ihres Hundes war übrig.

Kurze Zeit später betrat ich unseren Ergster Geschenkeladen. Ich wollte noch zwei Geschenktaschen und eine Weihnachtskarte kaufen. Ich fand eine, auf der Kinder in einer kalten Adventsnacht ein Reh füttern. Die nahm ich. “Das ist aber eine schöne Karte”, sagte die Verkäuferin zu mir, die ich sehr mag, weil sie eine wundervoll wärmende Stimme hat und bunte Jacken mit riesigen Bommeln trägt. “Die Karte ist für meinen Zeitungszusteller. Ich habe ihn noch nie gesehen, aber ich schenke ihm jedes Jahr etwas zu Weihnachten.”

“Danke, Ihr Zusteller”, schreibt er dann immer auf die Zeitung, und ich stelle ihn mir als einen älteren Mann vor, weil seine ungelenk staksenden Buchstaben aus einer anderen Zeit zu stammen scheinen. Das erzählte ich der netten Verkäuferin, und sie stützte sich auf den Verkaufstisch. “Das ist Weihnachten, oder? Und kaum jemand macht noch solche Dinge. Es herrscht nur noch Rücksichtslosigkeit. Ich habe hier mit so vielen Kunden zu tun…” Sie schüttelte den Kopf und ich nickte. “Ich glaube weiterhin daran, dass die Menschlichkeit uns zu Menschen macht”, antwortete ich ihr. “Ich werde mich nicht ändern, und immer versuchen, die Wärme, die uns der liebe Gott mitgegeben hat, anderen zu schenken, wenn mir das möglich ist.” “Machen Sie das”, sagte sie zu mir. “Ihr Zeitungsmann wird sich sehr freuen. Das weiß ich, weil ich früher selber Zeitungen ausgetragen habe. Bei Regen, bei Glatteis, bei Sturm und bei Schnee.” Sie sprach leiser weiter:”Das ist ein Scheißjob.”

Ich packte die gekauften Dinge in meine Tasche, rückte meinen verutschten Schal zurecht und sah meine Verkäuferin an: “Ich wünsche Ihnen schöne Weihnachten.” “Ich wünsche Ihnen auch ein wunderschönes Fest. Dann bis zum nächsten Mal.”

Ich trat aus dem Laden heraus und seufzte glücklich. Eine vorrübergehende Frau meines Alters lächelte mich an. Es war ein Lächeln, mit dem man nur kurz vor dem Fest andere Menschen anlächelt.

Nie, niemals nie und nimmer werde ich meine Geschenke im Oktober kaufen, nahm ich mir wieder einmal vor, während ich zurück zu meinem Auto ging.

Von Herzen, meine lieben treuen Leser, wünsche ich Ihnen ein gesegntes Weihnachtsfest. Kommen Sie zur Ruhe, denn dann spürt man überall die Flügelschläge der Engel. Im Verkaufsraum einer Tankstelle oder in einem Schreibwarenladen mitten in Ergste.

Herzlich, Ihre Andrea Klasen