Nur für eine Nacht

by Andrea Klasen

Liebe Rosinensucher und Perlenfinder,

es ist unverzeihlich, dass ich so lange nichts für meinen Blog geschrieben habe, obwohl es mir ein so großes Vergnügen ist, die alltäglichen Schreibarbeiten für die berühmten Brötchen mit Butter einmal an den äußersten Rand des Schreibtisches zu schieben, um mich in eine Zeitnische zu begeben, die jedes Mal sehr belebend und Kraft spendend ist. Vielleicht versperren mir mein Pflichtbewusstsein und meine Disziplin oft den Weg in diese Zeitnische. Als freiberufliche Autorin will man fertig werden mit Aufträgen, um neue zu beginnen. Das Expresspony muss sozusagen immer galoppieren und nach einer bestimmten Streckendistanz ausgetauscht werden; aber heute möchte ich an einer der Poststationen Rast machen, um Ihnen, meine verehrten Leser, von anderen Zeitnischen zu erzählen und von Wesen, die der Vergänglichkeit noch viel stärker unterworfen sind als wir Menschen, und die aus diesem Grund ihre ganze Schönheit für nur eine Nacht entfalten.

In der letzten Woche habe ich mir einen großen Traum erfüllt. Ich bin mit meiner Wunschliste endlich in eine Gärtnerei für Heilpflanzen, Duftkräuter und Küchenkräuter gefahren. Es gibt nicht viele Gärtnereien, wo man seltene Heilpflanzen bekommt, und deshalb lenkte ich mein Auto bis an den Rand des Ruhrgebietes, dahin, wo sich bereits die Münsterländer Felder sanft um einsam gelegene Gehöfte schmiegen, und große Bäume die Wege säumen. Ich fuhr zur “Kräutermagie Keller” nach Datteln. Durchfahre ich das Münsterland, dann verliere ich schon bald die Orientierung, weil die Landschaft so flach ist, schmale Wege ins Nirgendwo abgleiten, und seltsam klingende Straßenschilder zu noch nicht sichtbaren Häusern führen. Im Münsterland fährt man selten durch Orte; man fährt durch die Welt dazwischen. Ich empfinde das als sehr angenehm, weil ich Ballungsräume nicht mag, und mich gerne in Landschaften verliere. Das Münsterland kommt mir immer vor wie ein riesiges Getreidefeldlabyrinth.

“Jetzt rechts abbiegen”, forderte mich Fräulein Mayer, die Dame, die in meinem Navigationsgerät wohnt, auf. Ich bog ab in einen unbefestigten Feldweg, flankiert von schaukelnder Gerste. Ich war plötzlich wieder in einer Zeitnische. Meine Nachbarin, auch eine große Gartenfreundin, die mich begleitete, sagte: “Da sind die Gewächshäuser, wir sind da.” Auf einem Rasenstück parkte ich meinen Wagen. Als wir ausstiegen, war die Luft ganz still. Ein Windhauch wehte uns streichelnd um die Köpfe, und schien uns von überflüssigen Gedanken befreien zu wollen. Wir durchschritten das Tor der Gärtnerei. Niemand war dort, außer den wartenden Kräutern und drei Gärtnern, die in Stille Pflanzen pikierten. Ich kam mir vor, als stände ich in einer Kirche. Die Kräfte der Kräuter wirkten hier. Zusammen enthielten sie alle Zutaten dieser Welt. Eine der Gärtnerinnen kam auf uns zu und begrüßte uns so, als seien wir in eine Welt getreten, die nicht für alle auffindbar ist.

“Hier draußen finden Sie heimische Kräuter, die winterharten. Im Gewächshaus sind die exotischen Kräuter. Schauen Sie sich in Ruhe um.” Sie nickte uns zu, und verschwand mit der Eleganz eines Mönches, dessen Kutte spielerisch über den Boden fegt. Wir atmeten tief durch, und konnten unser Glück kaum fassen, hier gelandet zu sein. Das war das Paradies. Hier blieb kein Wunsch offen. Schnell füllten sich unsere Körbe, wir nahmen einen zweiten, stellten die vollen auf den Tisch vor der Lodge ähnlichen Hütte, und die Gärtnerin fragte, ob sie schon beschriften dürfte. Ich fragte sie nach der Nachtkerze. Ich wusste selber nicht, warum ich mich zu dieser Pflanze so hingezogen fühlte. “Möchten Sie die zweijährige oder die mehrjährige?”, fragte sie mich. “Die mehrjährige wächst hier wild, dann würde ich Ihnen eine ausbuddeln.” “Wo ist denn der Unterschied?”, fragte ich und fand den Gedanken wunderbar, dass man hier auch wilde Pflanzen ausbuddelte. “Aus der mehrjährigen können Sie Öl machen.” “Oh, dazu habe ich keine Zeit”, erwiderte ich ein wenig geknickt, weil ich eigentlich von einem Leben als Kräuterhexe träume. “Das wird dann schon noch kommen”, antwortete sie prophetisch. Mhmm… Doch ich entschied mich für die zweijährige, vielleicht, weil ich in diesem Moment nicht wusste, wie ich das Expresspony zügeln sollte, wenn das Öl hergestellt werden will. “Die zweijährigen finden Sie dort hinten.” Ich ging los, und sie dirigierte mich von den Körben aus. “Jetzt stehen Sie genau davor”, rief sie lächelnd. Ich schaute hinunter. Da war sie also, die Nachtkerze. Sie bestand aus nichts weiter als einem einzigen Stängel mit länglichen Knospen. Es braucht nicht viel, um die Welt zu betören. Ich stellte sie vorsichtig in meinen Korb. Meine Nachbarin suchte sich die Kräuter zusammen, die sie für ihre Frankfurter grüne Soße benötigte. Wir gingen weiter die Reihen entlang, unter unseren Füßen den großen Kies. Noch immer drang kein Geräusch von außen in diese Gärtnerei. Hier wurde die Sprache der Kräuter gesprochen, die in aller Stille wirkten. Diese Stille befand sich nicht auf dem Kassenzettel, aber man nahm sie mit. Wir bezahlten und fuhren beglückt zurück.

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All die wunderbaren Kräuter: Frauenmantel, Barbarakraut, Katzenminze, römische Rasenkamille, Kapuzinerkresse, Baldrian für meine oft hysterische Katze, Bulbine, Majoran, Estragon, Kampferkraut, Eisenkraut und Weihrauch.

Zuhause angekommen pflanzte ich meine Kräuter ein. Einige hatte ich als Futterpflanzen für meine Schildkröten gekauft, denn sie sollen in ihrem Freigehege selbst bestimmen, was sie essen möchten. Elisabeta hatte sich zudem gewünscht, unter einer großblättrigen Pflanze zu sitzen. Ich fand, dass der Frauenmantel mit seinen wunderschönen Tautropfen Elisabeta ein grünes Dach sein könnte. Die Nachtkerze pflanzte ich neben das Kampferkraut.

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Die Nachtkerze im Ganzen

Als ich gestern Abend zurück von meiner Stute Lady kam, sah ich, dass sich eine ihrer Knospen geöffnet hatte. Sattgelb war die Blüte, und als ich mich langsam über sie beugte, um an ihr zu riechen, da schlug mir ein Duft entgegen, der den Duft aller Blumen vereint. Der Duft der Nachtkerze ist das Brennglas aller vorhandenen Blumendüfte, aus allen Kontinenten. Meine Nachtkerze verströmte ihn verschwenderisch, und an ihren zarten Blütenblättern zerrte der kalte Wind, der an diesem Abend über das Land blies. Nur für eine Nacht würde sie blühen. Sie sucht nicht das Sonnenlicht, nicht die Helligkeit und die hungrigen Bienen. Die Nachtkerze liebt den Mond, die Bewegungslosigkeit der dunklen Stunden, und es sind die Falter, die sich auf ihrer Blüte niederlassen und sie bestäuben. Ich setzte mich neben die Nachtkerze und schlug die Jacke um meine Schultern. Schlafengehen wollte ich nicht, weil ich wieder und wieder diesen Duft atmen wollte. Den Duft, der alles ist.

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Meine Nachtkerze

Ich erinnerte mich an eine Nacht in Hetzhof, einem winzigen verwunschenen Ort meiner Kindheit, wo viele Verwandte von mir wohnten, und wo ich viele Sommer verbracht habe, gemeinsam mit meinen Großeltern oder meinem Vater. Hetzhof liegt in einem Seitental der Moselregion. Dort fand ich als Kind alles, was ich suchte. Das Landleben in seiner Friedlichkeit und seiner Stimmigkeit. Tagsüber streifte ich durch die Natur des Sackgassenortes, abends half ich beim Kühemelken, und am Ortseingang stand die Villa von Fräulein Jammin, die unter hohen Bäumen klassische Musik hörte. Eine meiner Großtanten, die dort mit ihrem Mann lebte, besaß einen wunderschönen Nutzgarten, der eingefasst war mit Stauden und Bienenpflanzen. Tante Maria und ihr Mann Karl lebten für diesen Garten. Maria trug sommertags nichts weiter als einen weißen Kittel und feste Schuhe. Sie kochte wie eine Göttin und nährte wie eine Mutter. Lag ich in meinem Zimmer, unter den sich aufbäumenden Oberbetten, in denen die Federn tanzten, und hörte, wie sich die Erwachsenen unter meinem Fenster in der Sommernacht unterhielten, dann schlief ich selig ein, und dankte den Grillen, die der Sommer waren.

An einem Abend durfte ich länger aufbleiben. Tante Maria hatte Freunde und Bekannte aus dem Dorf eingeladen. Es gab guten Wein, für mich Holundersirup, Brot, Käse und selbst gezogene Pfirsiche, und wir saßen alle um den Gartentisch herum und schauten auf den Hauptdarsteller dieses Abends. Einen faden und ungeordnet wirkenden Schlangenkaktus, mit seltsam verdrehten Armen, der sich nun in eine “Königin der Nacht” verwandeln sollte. Tante Maria hatte die Pflanze schon die ganzen vergangenen Tage beobachtet, und als am Nachittag ihre Knospen anschwollen, wählte Tante Maria eilig die Nummern ihrer Freunde im Dorf: Es sei soweit.

Da saßen wir nun. Es wurde dunkler, die Blätter der Kastanie rauschten im Nachtwind, und die zehn Blüten des Kaktus’ begannen, sich zu entfalten. Tante Maria nickte leise. In einer fließenden Bewegung gab der Schlangenkaktus sein Wesen preis. Ich hörte das Knistern der sich öffnenden Blüten und plötzlich strömte ein Duft aus Vanille und Schokolade aus diesen großen Blüten. Im nächsten Moment kamen die Nachtfalter und berauschten sich an ihrem Duft. Der Schlangenkaktus war zu einem Naturwunder geworden. Er flüsterte mir zu, dass es im Leben nicht auf Äußerlichkeiten ankomme, sondern das vordergründig Unscheinbare zu strahlen beginnt, wenn wir es mit Liebe betrachten.

Die Erwachsenen saßen noch lange beim Kaktus, während ich unter der hohen Bettdecke über das nachdachte, was der Kaktus gesagt hatte. Dann schlief ich traumlos ein. Am nächsten Morgen stand Tante Maria mit einer Tasse heißer Schokolade im Türrahmen, als ich aufwachte. Sie kannte die Momente des Übergangs. Ich nahm einen Schluck, leckte mir die dicke Sahne von den Lippen, und ging hinunter auf die Terrasse. Dort standen die leeren Weingläser, Brotkrümel bevölkerten den Tisch und daneben der Schlangenkaktus, dessen Blüten nun welk waren. Schlaff hingen sie herab. Der Duft von Vanille und Schokolade war verflogen. Ich aber wusste nun, dass alle Schönheit in ihm wohnte, auch wenn sie nicht immer sichtbar war. Nach diesen Sommerferien fuhr ich als eine andere zurück nach Hause. Vielleicht spricht mich meine Nachtkerze aus diesem Grund so an.

Verehrte Leser, ich werde nun noch einmal hinaus in meinen Garten gehen, um ein letztes Mal an der Blüte meiner geliebten Nachtkerze zu riechen, bevor sie am Mittag verblüht.

Genießen Sie die Pflanzen und Blumen, vor allem die, die man erst auf den zweiten Blick sieht, und die landläufig als “Unkraut” bezeichnet werden.  Ich möchte dieses Wort schon lange als “Unwort des Jahres” vorschlagen.

Herzlich Ihre

Andrea Klasen

Wer die stille Gärtnerei in Datteln besuchen will, hier die Adresse:

http://www.kraeutermagie-keller.de