Nichts kann alles sein

by Andrea Klasen

Liebe Rosinensucher und Perlenfinder,

es gibt Orte, da gibt es nichts, und doch haben sie alles. Bidarray im französischen Baskenland ist so ein Ort. Hier sind die Berge der Pyrenäen noch nicht sehr hoch. Um die tausend Meter. Der Dorfkern von Bidarray liegt etwa hundert Meter über Seehöhe. Dort stehen nur wenige Häuser. Die Gehöfte und übrigen Häuser verteilen sich, mit guten Distanzen zueinander, weiter unten, auf den sanft geschwungenen Wiesen. Etwa siebenhundert Menschen leben hier.

Von der Hauptstraße kommend, führt eine Brücke ins „Zentrum“ von Bidarray, vorbei an einer Pâtisserie, die den hier typischen Gâteau basque, den baskischen Kuchen, verkauft. Sehr lecker. So klein ein französisches Dorf auch sein mag – wenn es etwas auf sich hält, hat es eine Pâtisserie.

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Die “Hauptstraße” von Bidarray. Im Hintergrund der Glockengiebel. 

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Die romanische Kirche am Eingang des Dorfzentrums. 

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Die Straße, die wieder hinunterführt.

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Die Pont Noblia, eine Brücke aus dem Mittelalter, die vormals von Pilgern genutzt wurde. Sie überspannt die Nive, die erst in den Fluss Adour und dann bei Anglet in den nicht weit entfernten Atlantik mündet.

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Das Restaurant Auberge Iparla. Abschussrampe ins Paradies.

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Jedes Dorf, das etwas auf sich hält, hat, wie schon gesagt, eine Pâtisserie und einen Pelotaplatz, wo das baskische Spiel “Pelota” ausgetragen wird. Zwei Spieler oder ein Zweierteam schlagen den Ball mit Schlägern, aber auch mit bloßer Hand, gegen eine Prellwand, Frontón genannt. Im weitesten Sinne erinnert dieser Traditionssport an Squash.

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Der Glockengiebel der romanischen Kirche in Bidarray.

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Das Restaurant “Barberaenea” neben der Kirche. Hier kann man gut essen und auch übernachten. Unter dem großen Ahornbaum steht irgendwie die Zeit still.

Von dort aus geht es ziemlich steil hoch. An der romanischen Kirche vorbei, die umringt ist von den Gräbern ihrer verstorbenen Bewohner. Schöner kann eine letzte Ruhestätte fast nicht sein. Im Hintergrund ragen die kegelförmigen Berge Richtung Himmel, die Wiesen sind immergrün, weil es im Baskenland feucht ist und heiß. Hier wachsen Feigenbäume, Oleanderbüsche riesigen Ausmaßes, Pfirsiche fallen einem vor die Füße und die Hortensien bringen Blüten hervor, die größer sind als menschliche Köpfe.
Tulpen und Rosen auf dem Friedhof von Bidarray aber sind künstlich.

Als wir im Ortskern von Bidarray stehen, komme ich mir vor wie in der Kulisse eines Western. Es gibt nur eine Straße. Der markante Glockengiebel der Kirche spielt mir Bilder in den Kopf und plötzlich weht mir ein Wind entgegen, meine Frisur hebt sich unmerklich, und die Haare an den Armen werden kurz durchgekämmt. Dann wieder Hitze und Stille.
Bidarray hat nicht viel, aber es hat alles, was man braucht: Betritt man die finstere Kirche, ist plötzlich eine Kraft da, die mich erfrischt, die Wurzeln unter meinen Füßen wachsen lässt, der Duft der Lilien, die den Altar schmücken, steigt mir in die Nase. In der Dunkelheit des Kirchenschiffes schließe ich die Augen, und höre meinen ruhigen Atem. Hier wohnt jemand, der sagt: „Alles entsteht aus der Stille heraus.“
In dieser Kirche gelange ich in eine Zeitnische, die mir alle Schwere nimmt. Draußen spricht ein Ehepaar miteinander. Als sie das Gotteshaus betreten, verstummen sie und werden von der Dunkelheit verschluckt. Eine Dunkelheit wie eine warme Decke.
Bidarray hat nicht viel, aber das Wichtigste. Man wundert sich, warum überhaupt Menschen hierher kommen. Gut, von hier aus führen Wanderwege in die Berge. Etwa der GR 10, der durch Bidarray führt, und die Pyrenäen weiter nach Spanien durchquert.
Und – Wanderer sind immer hungrig. Vielleicht gibt es aus diesem Grund zwei sehr gute Restaurants hier im Ort. Sie liegen kaum hundert Meter voneinander entfernt.
Wir waren letzten Freitag in der Auberge Iparla, nach dem Gipfel benannt, den der Gast von der Terrasse aus sehen kann.
Menu haben wir gegessen. Die Speisen waren so raffiniert verfremdet, dass wir während des Essens gar nicht mehr wussten, was wir eigentlich bestellt hatten. Das Doradentartar sah aus wie silberne Kerne von Granatäpfeln. Dazu eine Avokadocrème, der Chorizo ist eine riesige Scheibe, die angeschmort daher kommt, flankiert von Frischkäsehäubchen und Linsen in Zucchiniröllchen.
Die Hauptspeisen: Stockfisch so zart wie eine Mousse und doch ganz Fisch, dazu Fenchel. Stilisierter könnte man ihn kaum zubereiten. Er schmeckt süß, vielleicht Schalotten, denke ich, ist aber auch egal, weil ich längst nicht mehr weiß, welcher Wochentag ist, wann ich Geburtstag habe und was wir bestellt haben. Das Steak medium, so wie „medium“ gemeint ist. Auf den Punkt mit großen frittierten Kartoffeln und einem Dip aus Käsegeschmäckern, der alle Noten baskischer Schimmelkäsenuancen in einer einzigen Käsecrème vereint und in einer einfachen Steingutschale serviert wird.
L’entrecôte de Boeuf grillée, grosses frites maison et crèmes de bleue de basques kommt daher wie ein ungehobelter Gaucho mit Schlangenlederstiefeln und Mohairponcho.
Die Dunkelheit hat jetzt auch die Berge umschlossen. Es ist immer noch warm auf der prall gefüllten kleinen Terrasse. Alles Franzosen, außer uns. Wir haben vorher die Speisekarte fotografiert – die sämtlicher Lokale – um uns das Vokabular der französischen Küche einzuverleiben. Wir kennen nun jeden Speisefisch, wissen um die Varianten, sie zuzubereiten, haben herausgefunden, was „à la plancha“ ist und dass es jeunes pousses – jungen Chicorée – auch bei uns gibt und doch wieder nicht.
Die Gäste an den Nebentischen stoßen an, chin chin, baskischer Wein, Wein aus Bordeaux, die Frau am Nebentisch signalisiert dem Kellner, dass er einschenken kann. Unser Dessert kommt: Mit so etwas hatten wir beileibe nicht gerechnet. Una bomba, ein Gedicht, der Beweis, das Gott existiert: Le Crémeux au chocolat noir mi-amer avec noix de pécan caramélisées et crumple spéculoos avec de la glace caramel au beurre salé et chantilly au praliné ist angerichtet in einem ganz gewöhnlichen Glas. Doch unten befindet sich flüssiger warmer Schokoladenkuchen, darüber eine Kugel Eis: jenes hier beliebte caramel beurre salé – Karamelleis mit Butter und einem Hauch von Salz. Wer jetzt Widersprüche sucht, wird keine finden in diesem Zauberglas. Die Eiskugel verschmilzt mit dem Mousseähnlichen Schaum, darin karamellisierte Pecannüsse und eine zerbrochene Praline, die in den Schaum hinabsinkt und darin elegant zerschellt.
Diese Terrasse in Bidarray ist die Abschussrampe ins Paradies.

Als wir zurück zum Auto gehen, kommen wir an dem zweiten Restaurant vorbei. Völlig unscheinbar unter einem riesigen Baum verborgen, aber die Karte verspricht Göttliches. Abfotografiert haben wir sie schon. Wir wollen zum Abschluss unseres Urlaubes mal dorthin gehen. Vielleicht aber auch wieder in die Auberge Iparla. Mal sehen.
Auf dem Parkplatz drehe ich mich noch einmal um: der Staub, den unsere Schritte kurz aufgeweckt haben, sinkt schläfrig wieder zu Boden. Die Kirchturmuhr schlägt zehn, die Grillen lassen die Luft vibrieren und unten im Tal funkeln die Lichter der Häuser. Der Geruch der Kühe weht zu uns herüber. In Bidarray findet man alles.