rosinenundperlen

Die Frau vom anderen Ende der Welt

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Die wunderschöne Kirche von Pfunds.

Liebe Rosinensucher und Perlenfinder,

unseren Sommerurlaub haben mein Lieblingsmensch und Gefährte Kai und ich in Tirol verbracht. Dort wandern wir den ganzen Tag und besteigen Gipfel, die man als Normalsterblicher so ohne weiteres besteigen kann, ohne Eisfelder und Pickel. An unseren Ruhetagen pflegen wir nach Pfunds zu fahren. Ein Ort, der am türkisfarbenen und meist sehr ruhelos fließenden Inn liegt. Direkt neben dem vorwärtstreibenden Fluss gibt es ein Freibad, das nicht schöner liegen könnte. Umringt von hohen Bergen schwimmt man dort und während man das kühle Wasser durchmisst werden die hohen Gipfel dort droben schon wieder zu Sehnsuchtsorten.

In diesem Jahr haben wir uns über den Beckenrand hinausbewegt, um das kleine Städtchen mal genauer zu erkunden. Ein klassisches Tiroler Bauerndorf mit wunderschönen verwinkelten Nutzgärten hinter den Häusern. Aus den Bergen kommend stobt der Radurschlbach aufgewühlt durchs Dorf, so als müsse er beweisen, dass Ur-Gewalten niemals zu stoppen sind und das Leben auch durch uns Menschen durchrauscht und wir vielem gegenüber machtlos sind. Den romantischen Dichtern hätte ein solcher Bach voller Gefühle hinter dem Haus gut zu Gesicht gestanden.

Etwas weiter entfernt stürzen sich mit Schwimmwesten und Schonern ausgerüstete Männer in den reißenden Inn und hoffen anzukommen. Ob tot oder lebendig. Ersteres ist wahrscheinlicher. Nicht weit vom Einstieg des Styx’ liegt seit neuestem eine Pizzeria. Hungrig vom Schwimmen beschlossen wir dort einzukehren. Der betörende Duft Italiens, der aus dem Lokal strömte, ließ auch keine andere Entscheidung zu.

Ich habe schon viele Pizzas in meinem Leben gegessen. Gute und zweitklassige, aber diese war von einem anderen Stern. Der Bäcker dieser Pizza muss soviel Hingabe in Fingern und Herz haben, dass jeder Gast nach dem ersten Bissen die Augen schließt und denkt, dass diese Pizza auch ruhig der letzte Genuss sein könnte, bevor man in den Inn steigt. Auch wir hatten während des Essens die Augen meist geschlossen. Bis plötzlich ein merkwürdiges Paar am Tisch gegenüber Platz nahm. Der Mann, schlank, blond, und faltig von der Sonne sah aus wie der nun alternde Robert Redfort.

Seine Begleiterin war eine betagte Frau, die sich ebenso geschmeidig bewegte wie er. Sie trug graues volles Haar, das trotz der Schwüle eine schöne Form hatte, eine große Brille und einen karierten knielangen Kittel ohne Ärmel wie eine Großmutter auf dem Land ihn trägt, die morgens die Kühe melkt, dann fächerartig den Hühnern die Körner zufliegen lässt und die dann den ganzen restlichen Tag in ihrer Küche steht, Marmelade einkocht, Streuselkuchen backt und Eintöpfe für die Männer zubereitet, die später vom Feld kommen. Eine zufriedene Frau, der das Wort “Selbstverwirklichung” so exotisch vorkommt wie ein Thermomix. Diese Frau sah aus, als wohne sie nebenan und ließ gerade den Hefeteig gehen. Ausnahmsweise verließ sie in diesem nicht unkritischen Stadium des Teiges das Haus, um mit ihrem Sohn einen neumodischen Latte Macchiato zu trinken. Ihm zuliebe. Aber schließlich lag sie gut in der Zeit, und der Wagen der Molkerei kam meist erst gegen zwei.

Als die beiden Platz genommen hatten, wurden sie sogleich von einem kontaktfreudigen Einheimischen am Nebentisch befragt, wo sie denn herkämen. “New Zealand”, war die verblüffende Antwort. “Schau”, erklärte der Tiroler seinem kleinen Sohn. “Die kommen vom anderen Ende der Welt.” Der Kleine wusste nicht, wie groß die Welt war und dass sie ein Ende hatte. Sie war doch rund?! Wie lang sie geflogen wären, wollte der etwas aufdringliche Tiroler im schlechten Englisch wissen: “Twentyfour hours!”, gab der Mann höflich zurück und wollte sich dann in die Spesiekarte vertiefen. “Twentyfour hours, mein Bub, und dann treffen mir die hier in Pfunds. – Und wo sind sie gelandet? Munich? Salzbourg?”, wollte der Neugierige weiter wissen. Doch das Paar fühlte sich sichtlich gestört. Vielleicht von der Person selbst, vielleicht von dem schlechten Englisch, vielleicht aber war der Hefeteig bei dieser Hitze schneller aufgegangen und musste dringend weiter verarbeitet werden. Who knows! Die Frau von nebenan verschwand so schnell wie ein Kolibri flattert. Zurück blieb das wilde Muster ihres Kittels.

Meine lieben Leser, auch von weither gelangt man in kleine Orte am Rande der Welt und vielleicht wollte Robert Redfort seiner Mutter endlich mal beweisen, dass man einen Hefeteig auch mit Eiern, Artischoken und Rucolasalat belegen kann, statt immer nur mit Kirschen, Schmand und Streuseln.

Herzlich

Ihre Andrea Klasen

Rote Karte

Liebe Rosinensucher und Perlenfinder,

mitunter kommt es vor, dass Freunde, Ehemänner oder einfach nur Kumpels uns Pferdefrauen an den Stall begleiten. Besonders an Wochenenden ist die Männerdichte ungewohnt hoch bei uns am Hof. Sie stehen dann herum, während wir unsere Pferde striegeln, manch einer fährt mit dem Mountain-Bike nebenher, wenn seine Freundin, Ehefrau oder Kumpeline ausreitet, wieder andere räumen auf ihrem Smartphone auf, während wir Frauen in ungewohnter Eile unsere Pferde säubern, um das Interesse unserer männlichen Begleitung nicht über die Maßen auszureizen.

Es war an einem sonnigen, fast möchte ich sagen sehr sonnigen Augusttag. Einem der ersten dieser Spätsommertage, der recht schwüle Luft verströmte. Es war voll an diesem Nachmittag. Von unseren sechzig Pferden standen circa ein Drittel angebunden an Putzplätzen, an den Alupaneelen des Round Pen oder sie grasten auf den kleinen Flächen, die den Hof begrünen. Alles hatte eine träge Friedlichkeit. Die Pferde ließen dösend die Köpfe hängen, die Damen trugen kurz, und niemand bewegte sich besonders schnell, wenn er über den breiten Hof ging oder sein Pferd hoch zur Halle führte.

Dann kam Alex. Sie kann durch ein körperliches Handicap an ihrem Fuß nicht so gut über holprige Koppeln laufen, und meist stehen die Pferde um diese Jahreszeit unten auf der Wiese, in weiter Distanz zum Stall. Alex ist die Besitzerin eines Quarter-Vollblut-Mixes, der alles für sein Frauchen tun würde und tut. Alex hatte ihm beigebracht – um sich den beschwerlichen Weg über die unebene Koppel zu ersparen – auf den Pfiff ihrer Trillerpfeife hin seinen Grasplatz zu verlassen und zu ihr zum Gatter zu kommen. An jenem Tag im August standen die Pferde außer Sichtweite, hinter einer Biegung, in einer Senke.

Alex ist eine resolute und tatkräftige Frau, die die Dinge von vorneherein richtig macht. Also hob sie die Trillerpfeife zum Mund, setzte sie weich auf ihre Lippen und blies hinein. Für einen Moment war es nach diesem beißenden Pfiff mucksmäuschenstill auf dem Hof. Doch plötzlich löste sich die kurze Schockstarre der angebundenen oder am Halfter befindlichen Pferde auf, und sie reagierten, wie ein Pferd reagiert, das eine Trillerpfeife hört und keine Polizeipferdeausbildung genossen hat: Alle Pferde, selbst die coolsten, sprangen plötzlich durcheinander, die Aufregungswellen ihrer Körper schaukelten sich hoch, einige rissen sich los, andere sackten vor Schreck in die Knie, wieder andere rissen die Köpfe hoch und nur noch das Weiße ihrer Augen war zu sehen. Ein Kind weinte.

Als sowohl Pferd als auch Mensch wieder zu Atem gekommen waren und ihre Plätze wiedergefunden hatten, da sagte einer der männlichen Begleiter, den Pfiff einordnend: “Die Bundesliga hat wieder angefangen.” Über den Hof ging ein Lachen. Bei so viel Entspanntheit beruhigten sich Mensch und Pferd wieder, die schwüle Trägheit hüllte sie erneut ein, und Alex wagte kein weiteres Mal zu pfeifen, sondern ging zu Fuß den holprigen Weg zu ihrem Pferd. Ihre scheppernde Pfeife zerschnitt nie wieder die ruhig fließende Luft unseres Hofes.

Ich wünsche Ihnen, meine verehrten Leser, so denn sie dem Fußball huldigen, einen schönen Start in eine spannende Saison 2015. Mögen die mit den Trillerpfeifen an den Lippen immer die richtigen Entscheidungen treffen.

Herzlich Ihre Andrea Klasen

Die Erdbeere am Straßenrand

Liebe Rosinensucher und Perlenfinder,

die alten Griechen unterschieden zwischen zwei Arten von Zeit: der Kronos-Zeit und der Kairos-Zeit. Die Kronos-Zeit ist die linear verlaufende Zeitachse, die sich vor uns ausstreckt wie die A 7 Richtung Flensburg. Auf dieser Autobahn werden wir immer schneller, weil wir auf dieser endlosen Geraden sonst die Sorge haben, stehenzubleiben, obwohl wir schon 140 km / h fahren. Wir wollen ankommen. Aus diesem Grund suchen wir uns ein Ziel in der Ferne, auf das wir zusteuern. Auf einer A 7 Richtung Flensburg bietet sich da die Horizontlinie an, obgleich diese Wahl des Fixpunktes eine unglückliche ist, weil sich der zu erreichende Punkt immer verschiebt, denn die Horizontlinie der A 7 Richtung Norden ist wie die Möhre, die man dem Esel mit einer Bogenpeitsche vors Maul hält. Zwar zu sehen, doch obwohl er Schritt nach Schritt tut, unerreichbar.

Das Sein auf der linearen Zeitachse kann somit ziemlich frustrierend sein. Stellen wir uns doch lieber eine kurvige Passstraße in den Alpen vor. An ihr lässt sich wunderbar die viel bessere Zeit, die Kairos-Zeit, erklären. Sie ist nicht linear. Sie ist wie eine Seitenstraße, die von einer Passstraße in ein verschlafenes Tal führt. Wie wohltuend ist doch das Einbiegen in eine solche Seitenstraße. Auf Seitenstraßen atme ich auf, hier bin ich nicht mehr gefangen im Massenstrom, hier darf ich wieder Entscheidungen treffen. Zu den Gipfeln der Berge schauen, am Rand anhalten, ohne eine Kollision mit drängelnden Verkehrsteilnehmern zu verursachen. Ich kann atmen, durchatmen, aufatmen, die Temperatur des Tages und die meines Herzens spüren. Das ist die Kairos-Zeit. Ein Innehalten, eine Zeitnische jenseits der ewig kreisenden Zeiger der Chronographen, auf die wir aufspringen können oder eben nicht.

Die Kairos-Zeit ist die Zeit des Augenblicks. So kurz und so schön wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Wir können hineintreten in diese Kairos-Zeit, wenn wir nur wollen. Wir können bei unserem eiligen Gang zum Briefkasten mal an dem lila farbenen Fliederbusch stehenbleiben und unsere Nase in seine Blüten drücken. Wir können uns im Duft der Mähne unseres Pferdes verlieren und den Boden unter unseren Füßen vergessen. Wir können morgens um fünf im Halbschlaf dem Konzert der Vögel lauschen und uns dabei die duftenden Lavendlfelder südlich von Grasse in grillengeschwängerter Luft vorstellen. Wir können einen Termin abgesagt bekommen und stehen plötzlich mit geschenkter Zeit da. Kairos-Zeit, die wir nutzen, um endlich einmal wieder mit einer guten Zeitung und einer heißen Schokolade mit echter Tuffi-Sahne in einem Café zu sitzen und die Hektik der Menschen jenseits der großen Glasscheibe zu beobachten. Das sind Nischen für uns, um aus dem Strom auszusteigen. Federico García Lorca, einer meiner Lieblingsdichter, schreibt in der ersten Zeile seines Gedichtes “Echo der Uhr”: “Ich setze mich in einen Zwischenraum der Zeit, es war eine Bucht des Schweigens, eines weißen Schweigens.”

An diese wichtige Qualität der Zeit erinnert mich eine Erdbeere, die immer ab April in den Frühjahrs- und Sommermonaten am Straßenrand steht. Wenn ich von der A 45 kommend in Richtung Herdecker Zentrum fahre, steht sie am Rand der Wittbräuker Straße. Ich komme dort vorbei, wenn ich abends zum Karate-Training von Ergste nach Herdecke fahre. Dann hat die Erdbeere Feierabend und ihre großen Lider sind geschlossen. Die Erdbeere hat ungefähr die Größe einer Litfaßsäule, ihre Form ist leicht birnenförmig, nach oben hin breiter werdend. Ist die Verkaufsklappe geöffnet, und es werden Erdbeeren und Spargelstangen dargeboten, dann sieht man ihre Augenlider nicht. Nur nach Feierabend der Erdbeere zeigt sich dieses friedliche Bild.

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Leider prangt seit diesem Jahr ein Aufkleber des Hofes, von dem die Erdbeere stammt, an ihrer Vorderseite. – Nachts sieht die Erdbeere auch sehr schön aus. Sie taucht dann schemenhaft auf, und wirkt in ihrem Schlaf wie ein Wesen aus einer anderen Zeit.

Die Erdbeere mit ihren langen Wimpern strahlt für mich einen wohltuenden Frieden aus. Wenn ich in ihr schlafendes Gesicht schaue, dann atme ich auf und lächle. Sie erinnert mich stets daran, in die Seitentäler abzubiegen, inmitten des Trubels an meinen Schlaf und an Pausen zu denken. Frank Sinatra singt in seiner berühmten Hymne an New York: “I wake up in a city that doensn’t sleep.” Diese Erdbeere steht an einer vielbefahrenen Straße, wo 70 km / h erlaubt sind, aber schneller gefahren wird. Sie wirkt auf mich wie eine große träumende Schildkröte, die in der Zeitlosigkeit zuhause ist. Eine Schildkröte, die sich täglich zwei Stunden Zeit nimmt, um in aller Ruhe aufzuwachen, die sich den Luxus erlaubt, während des Winters vier Monate zu schlafen, und die über Chronographen, Chronometer und Pulsuhren nur lachen kann: “Wer die Zeit so kontrollieren möchte wie Ihr, der verliert viel davon”, flüstert uns die Schildkröte zu. Und auch die Erdbeere, die des abends in einen bärenähnlichen Schlaf sinkt, um am nächsten Morgen zwischen dem Lärm der Autos völlig erholt aus ihrer Welt zu erwachen, trägt diese Botschaft in sich.

Komme ich zurück vom Karate und fahre auf die Erdbeere zu, dann spüre ich die wohlige Erschöpfung nach einem erfüllenden Training, und werfe meine Pläne, noch zwei Arbeitsstunden vor dem Schlafengehen einzulegen, über den Haufen. Stattdessen lasse ich mir Badewasser einlaufen oder setze mich auf den Rand meines Gemüsebeetes und schaue gemeinsam mit meiner Katze über die stillen Felder. Denn schlafende Erdbeeren und träumende Schildkröten erinnern uns an Dinge, die wir längst vergessen haben.

Legen Sie öfters mal eine Pause ein und geben sich Ihren (Tag-)Träumen hin.

Das tun zu können wünsche ich Ihnen, meine lieben Leser.

Stets Ihre Andrea Klasen

Zeig’ mir Dein Messer und ich sag’ Dir, wer …

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Ein ganz besonderes Messer.

Liebe Rosinensucher und Perlenfinder,

aus gegebenem Anlass möchte ich heute eine Geschichte veröffentlichten, die ich vor zwei Jahren in einem anderen Zusammenhang publiziert habe. Gerade als ich meine Kammer neben der Eingangstür ein wenig ordnen wollte, fiel mir etwas in die Hand, was ich seit einem Jahr, seit meinem Umzug nach Ergste, verloren glaubte. Mein andalusisches Messer. Ich hänge sehr an ihm, und hatte über ein Jahr lang die Sorge gehabt, es könne vielleicht während des Umzugs aus Versehen in einem der Mülltüten gelandet sein. Umso glücklicher war ich, als ich es gerade in einer Obstkiste, die mein Freund und ich aus der Toskana mitgebracht haben, plötzlich entdeckte. Gemeinsam mit dem ebenfalls verschollenen Holzkochlöffel schlummerte es friedlich in der geräumigen Kiste. Ich bin sehr glücklich, dass ich es wieder habe, verbindet mich mit diesem Messer doch eine sehr besondere Geschichte aus meiner Studentenzeit:

Lassen Sie mich in das Jahr 1998 zurückgehen. Ich war Studentin, eingeschrieben für Germanistik, spanische und hispanoamerikanische Literatur und Philosophie. Alter: Mitte zwanzig. Eigentlich wollte ich russische Literatur studieren. Während meiner Jugend habe ich mich nach den endlosen glücklichen Nachmittagen unter Pferden des nachts durch die russische Literatur gelesen, – und mich verliebt. In die Menschen, in das Land, in die Abgründe der russischen Seele. Ich wollte Krieg und Frieden, die Toten Seelen, Anna Karenina und die Weissen Nächte im Original lesen, ich wollte mit Russen bei Tee mit Marmelade in die Weite der Taiga schauen, und die geräumige Melancholie ergründen, die sich unter der rauen Schale vieler Russen häuslich eingenistet hat. Gerd Ruge und Gabriele Krone-Schmalz waren meine Helden des Fernsehens. Mit ihnen reiste ich als Kind von Moskau über die Spitzen des Urals, auf dem Rücken mongolischer Pferde, mit rasanten Schlitten der Tschuktschen bis nach Wladiwastok, an das östliche Ende der Welt. Jahre später durfte ich Gerd Ruge in seinem Münchner Arbeitszimmer interviewen, zur Perestroika, und ich gestand ihm, dass er “Schuld” an meiner Russlandliebe hatte. Er war genauso wie in seinen Reportagen: ein guter Zuhörer, ein guter Geschichtenerzähler und ein sympathischer Mensch.

Meine Welt stand jedenfalls kurz vor meiner Immatrikulation für Slawistik Kopf. Ich war verwirrt. Ich hatte von einer spanischen Rockband gehört, den Héroes del silencio, den Helden der Stille. Einen einzigen Hit hatten sie in Deutschland: Entre dos tierras, zwischen zwei Welten. Ich hatte gehört, dass die Texte dieser Band sehr poetisch sein mussten. Außerdem hatte der Sänger Enrique Bunbury denselben Lieblingsdichter wie ich: Federico García Lorca. Wer den gut fand, und zudem noch Rockmusiker war, der musste toll sein. Ich wollte die Texte dieses Spaniers verstehen, die mich an die Verse Jim Morrisons erinnerten. So schön, so kraftvoll, so traurig. Nun ja, ich entschloss mich daher, statt Russisch Spanisch zu studieren. (Russisch habe ich dann nach dem Studium mit einer Privatlehrerin gelernt. Gott hab meine wunderbare Melita selig.) Ich wollte die gesungene Lyrik Bunburys verstehen und aufsaugen. Ich schrieb mich also für Romanistik ein. Nach dem Grundstudium bewarb ich mich für ein Stipendium. Ich wollte für ein Jahr nach Spanien. Ich bekam eines für die Universität Cádiz, tief im Süden Andalusiens, direkt am Atlantik, im ewigen Wind. Ich flog mit einem riesigen Koffer nach Jerez de la Frontera, fuhr mit dem Bus weiter nach Cádiz und bezog meine vor Ort gesuchte Wohnung. Ich war damals niemand, der sich leidenschaftlich gerne in der Küche aufhält, aber tägliches Kochen musste auch damals schon sein, um mich gesund zu ernähren. Beim Blick in die Schränke und Schubladen der Ferienwohnung bemerkte ich, dass ein wichtiges Accessoire fehlte. Wenn nicht das wichtigste: ein Messer.

Stumpfe kurze “Schnitzerchen”, wie mein Vater sagen würde, lagen da in den versifften Fächern; damit konnte ich keine Paella kochen. Ich brauchte etwas Ordentliches im Land des Stierkampfes. Ich kann keine Stadtpläne lesen, aber wie immer führte mich mein gut funktionierender Instinkt directamente zu einem Eisenwarenhandel in der Altstadt Cádiz’. Es war einer solcher Läden, die vollgestopft sind mit Töpfen, Pfannen, Scheren und rotbraun schimmernden Kupferbehältnissen. Dieser Laden war so überladen, dass große Teile der Ware zudem noch von der Decke herabhingen und eine leichte Melodie vor sich hinsummten, während ich die schwere Tür öffnete und ein Windstoß durch den Laden ging. Ich orientierte mich kurz in dieser Enge, und ging dann zum Kassentisch. Ein Andalusier lächelte mich an: “Guten Morgen, Señorita, wie kann ich ihnen helfen?” “Guten Morgen. Ich brauche ein Messer. Ein Küchenmesser.” Er sah mich einen Augenblick durchdringend an, so, als wolle er ein Psychogramm aus der Bewegung meiner Augen erstellen, mit der Temperatur meines Geistes in Resonanz gehen und die Stärke meines Körpers erfassen, um dann sekundenschnell einen Abgleich mit seinen vorrätigen Messern durchzuführen.

“Ein Messer also”, sagte er, warf mir einen letzten prüfenden Blick zu und tauchte unter die riesige Theke. Ich sah ihn minutenlang gar nicht mehr, hörte nur noch ein schepperndes Klirren und Rasseln. Dann tauchten seine südlichen Augen wieder auf und er legte mir eine, ja man könnte fast sagen, eine Strecke von Messern auf den Tisch. Nach Größe sortiert. Vom kleinen Schnitzerchen bis zur Machetengröße aus Che Guevaras Zeit. Ich sah, wie  sein Gesicht sich auf der Klinge eines der großen Messer spiegelte: “Sehen Sie sich in aller Ruhe um”, sagte er und verschwand hinter einer Reiher wild schaukelnder Pfannen. Sie klapperten aufgebracht hinter ihm her, und fanden nach kurzer Zeit ihr Schweigen wieder. Ich sah mir die etwa zwanzig Messer an, studierte ihre Form, stellte mir die kompromisslose Schärfe ihrer Klingen vor und hielt ihre Griffe mit meiner Faust umschlungen fest, um zu testen, wie sie in der Hand liegen.

Nach zehn Minuten hatte ich mich entschieden: Mein künftiger Begleiter sollte ein Messer mittlerer Größe sein, mit einer etwa zehn Zentimeter langen Klinge und einem ebenso langen Griff. Kaum hatte ich den Gedanken gedacht, da trat der Mann mit den dunklen Augen aus dem Hintergrund. “Das soll es sein?” “Ja, bitte.” Er nahm es, prüfte mit dem Daumen die Bereitschaft der Klinge und murmelte: “Ein richtig scharfes Messer muss auch stumpf sein können, sonst ist es nie wirklich scharf.” Ich sah ihn fragend an. Mein Vater, der seine Messer wöchentlich schliff, sagte ähnliche Sätze. Doch das war längst noch nicht alles, was der Verkäufer mir mit auf den Weg geben wollte. Während ich ihm die Pesetas reichte, beugte er sich langsam zu mir herunter, bis sein Mund beinahe mein Ohr berührte. Diese fremde Nähe war nicht unangenehm. Ich spürte seinen Atem an meiner Wange. Die herabhängenden Töpfe und Pfannen waren plötzlich mucksmäuschenstill, so als wollten sie auch in ein längst vergessenes Wissen eingeweiht werden. Ich hielt ebenfalls die Luft an und drehte mein Ohr in die Richtung seines Mundes. “Dieses Messer”, flüsterte er sehr leise, “dieses Messer ist für alle Gelegenheiten im Leben.” Nach diesem Satz ging ein kaum hörbares Raunen der Töpfe und Pfannen durch den Raum. In Zeitlupe gingen mein Kopf und der des Verkäufers auseinander. Ich sah ihm tief in die schwarzen Augen. Wortlos nickten wir einander zu und ich verließ den Laden.

Inzwischen begleitet mich dieses Messer seit siebzehn Jahren und ich bin sehr froh, dass es seit heute wieder da ist. An seinem Griff trägt es seit Langem eine Kerbe. Sie sieht gefährlich aus, und wenn ich Gäste habe, die diese Markierung entdecken und zudem zuviele Western gesehen haben, dann schauen sie mich mit großen Augen an, wenn ich das Messer nehme, den Schmutz vom Schneiden an meiner Hose abstreife, es ansehe, bis sich meine Augen klar in seinem Metall konturieren, und sage: “Ja, wir beide haben schon viel erlebt.”

Herzlich, Ihre Andrea Klasen

Der Mops im historischen Kontext

Liebe Rosinensucher und Perlenfinder,

das Leben kommt mir manchmal wie ein Theater vor. Mit dem glücklichen Umstand, dass ich nicht auf der Bühne stehen muss, sondern in der Mitte des dunklen Zuschauerraumes sitze und fasziniert auf die Bühne starre. Ich lebe nun seit fünf Jahren am Rande des Ruhrgebiets. Die Luft ist nicht immer so klar und frisch wie ich sie mir wünschen würde, aber Theater gibt es hier ziemlich oft gratis. Man trifft hier einfach auf Menschen, die mit ihrer herrlichen Ruhrpottschnauze aus ihrem ganz normalen Leben erzählen, und ich denke als ehemalige Fernseh-Autorin oft: Da musse einfach nur die Kamera draufhalten. Kein Schnitt, kein nix. Einfach laufen lassen.

Stellen Sie sich folgende Szenerie vor: Ein Putzplatz auf einem Pferdehof. Auftritt von rechts: der Hufschmied. Ein mehr zierlicher Mann, stark tätowiert mit freundlichen warmen braunen Augen und einem waschechten Dialekt mit Recklinghauser Einfärbung. Auftritt, auch von rechts, direkt aus der Autotür des Lieferwagens heraus: ein kurzatmiger Mops. Er wird vom Hufschmied sachte herausgehoben. Rahmenhandlung: Der Hufschmied soll ein Pferd beschlagen, im Schlepptau der Mops.

Nun halte ich persönlich Möpse mehr für Katzen denn für Hunde, weil ein Hund als Freund des Menschen irgendeine Aufgabe erfüllen muss. Ein behender Border Collie hütet sehr eindrucksvoll Schafe. Ein eigensinniger Dackel muss selbstständig im Fuchsbau arbeiten (daher die Eigensinnigkeit, – sie ist Voraussetzung für seinen Beruf), der Appenzeller mit Posthornrute treibt Kühe, bellt mit scheppernder Stimme und geht forsch zur Sache. Ein Rind zu treiben ist nur eben etwas für Hartgesottene, die nicht zimperlich daherkommen. Ein eleganter Weimeraner begleitet den Menschen zur Jagd, und dieser sehr charakterstarke Hund wird rissig und spröde, wenn er nicht arbeiten darf. Labradore apportieren Wasservögel und begleiten blinde Menschen, ein Bernhardiner bringt Schnaps, wenn man von einer Lawine verschüttet wurde und das Unglück überlebt hat, aber was bitte macht der Mops?

Was ist die Aufgabe dieses Hundes mit dem seidig grau-weißen Fell? Man weiß, dass der Mops aus China stammt und in den Gemächern des Kaisers logiert hat. Nur dem Herrscher war es vorbehalten, einen Mops zu berühren. Desweiteren gehörte der Mops in den Salon gesellschaftlich hochstehender Damen. Was hatte der Mops da zu tun? Eigentlich nichts. Vermutlich lag er schnarchend auf irgendwelchen Chaiselongues, träumend unter Baldachinen und wurde mit Lachshäppchen gefüttert. Es ist kaum vorstellbar, dass ein solcher Hund seinem Herrchen die Leine vor die Füße legt, ihn flehend anschaut und unbedingt und jetzt raus will, obwohl der 1 Grad kalte Graupelregen gerade mit Stürmböen durchs Land fegt und die Haustür fast in die Wohnung drückt.

Der Mops würde wahrscheinlich nie sein Herrchen zu einem Spaziergang auffordern, solange noch Flammen am Holz des Kamins züngeln. Einem normalen Hund ist es egal, ob er dreckig ist und stinkt, weil er sich gerade in Fuchskot gewälzt hat. Nicht aber dem Mops. Er möchte saubere Pfötchen haben und seidiges Fell. Kein Wunder also, dass der Mops des Hufschmiedes not amused war, als er (trotz Sonnenscheins im Februar) mit hinaus aus dem Auto musste. Dementsprechend übel war seine Laune. Während die anderen Hunde vergnügt umherliefen, hielt er sich unter dem schützenden Dach des Putzplatzes auf und röchelte vor sich hin. Es vergingt eigentlich keine Sekunde, in der er nicht ein krankenhausreifes Geräusch von sich gab. Besorgt sagte die Frau, deren Pferd der Hufschmied beschlug: “Ihr Mops hört sich an, als hätte gerade seine letzte Stunde geschlagen.” Ich muss zugeben, dass ich just in dem Moment denselben Gedanken gehabt hatte. “Das denke ich schon seit sieben Jahren”, antwortete der Hufschmied. Wohlgemerkt, wir haben es hier mit einem betagten Mops zu tun, der in den zwölften Lenz zieht. “Der macht immer so komische Geräusche. Aber wenn der will, dann geht es richtig rund. Der legt sich mit den größten Hunden an. Rottweiler sind seine Spezialität. Ne, Gismo, du bis’n Killa!!!”

Verwundert sahen wir den kleinen Mops an. Dieser Hund konnte sich tasächlich in eine zähnefleischende Bestie verwandeln? In seinen Augen schien sich doch eher die Traurigkeit der ganzen Welt zu spiegeln, sein Atem ging rasselnd, so als müsse er jeden Atemzug unter Mühen vollziehen, sein kleiner Körper zitterte, ob vor Aufregung oder vor Siechtum. Kurzum: der kleine Kerl wirkte so zerbrechlich wie eine handgeblasene chinesische Vase. Verdattert schauten wir abwechselnd zum Schmied, dann zum Mops. “Neulich hat er sich mit einem Staffordshire-Terrier angelegt. Er geht einfach auf die los. Ich bin dann dazwischen, hab’ meinen Mops mit der linken Hand gepackt und hochgehoben, den Kampfhund mit der rechten gepackt und hochgehoben. Auch irgendwie ne blöde Situation, – wat machse getz mit den geifernden Kötern?” Der Mops hörte zu, schien sich an den Vorfall zu erinnern, und wandte seinen Blick verachtend von Herrchen ab. “Todesmut ist doch manchmal eine ganz hilfreiche Charaktereigenschaft”, sagte ich zaghaft aus dem Zuschauerraum heraus. “Der Schriftsteller Jean Paul sagt, das der Furchtsame vor der Gefahr erschrickt, der Feige in ihr und der Mutige nach ihr.” Doch das war dem Hufschmied zu philosophisch. “Dat is’n Killa!!!” Durch den Körper des Mopses schien jetzt ein Krampf zu laufen. Wellenartig zog sich das seidige Fell über die dünnen Rippen. “Kommt jetzt gleich vorne oder hinten was raus?”, fragte die Pferdebesitzerin, zu deren Füßen sich der würgende Mops befand.” “Im Pupsen iss der Weltmeister”, gab der Hufschmied zurück. “Kotzen kann er auch gut. Eigentlich wische ich den ganzen Tag nur hinter ihm her, oder ich rette ihn.” Bei Wikipedia ist zu lesen, dass der Mops gefährliche Situationen oft unterschätzt. Oder sie selber einleitet.

In dem Moment kam unser stets streitsuchender Appenzeller Max auf den kleinen Mops zu. Doch der Mops schaute ihn giftig mit seinen runden glasigen und stets tränenden Augen an und aus dem mutigen Max wurde ein furchtsames Mäxchen. Wohlgemerkt. Der Hund, der gerade vor einem röchelnden Mops kapitulierte, legt sich sonst mit auskeilenden Rindviechern an. Welchen Auftrag die Evolution mit dem Mops zu erfüllen hatte, das ist wohl selbst Artgenossen nicht ganz klar. “Sein bester Freund ist eine Ziege. Immer wenn die sich sehen, hau’n se sich erst die Köppe ne halbe Stunde an’nander, und dann schleck’n se sich gegenseitig die Mäuler ab.” Das Verhalten des Mopses wird immer bizarrer.

Bei Wikipedia ist über den Mops zu lesen, dass er oft aggressiv auf andere Wesen reagiert, weil er häufig deren Körpersprache nicht richtig einschätzen kann. Ich finde da ist bei der Zucht einiges schief gelaufen. Wenn ein Hund einen anderen Hund nicht mehr lesen oder gar erkennen kann? Wenn der Mops so vertränte Augen und gereizte Lider hat, dass er Freund und Feind nicht mehr unterscheiden kann? Als der Mops an einer vertrockneten Blume nahe des Putzplatzes roch, glaubte man, jemand in nächster Nähe würde ersticken und seine letzten quälenden Atemzüge tun. Es ist wirklich so einiges schief gelaufen beim Eingreifen des Menschen in die Natur. Das wird mir immer klar, wenn ich Möpse treffe, oder Basset-Hunde sehe. (Weiß der Geier, wie die mit solch hängenden Lidern im englischen Moor jagen sollen?)

“Wir leben jetzt schon zwölf Jahre zusammen”, sagte der Hufschmied, ” trotzdem ist es sein größtes Vergnügen, mich zu ignorieren.” Uns Zuhörer wundert mittlerweile gar nichts mehr bei diesem eigensinnigen Mops, der jetzt auf der Stelle tänzelt, so als wolle er verhindern, dass seine seidig-grauen Pfötchen allzu intensiv mit dem schmutzigen Boden in Kontakt kommen. Ein normaler Hund tut doch alles für seinen Menschen?! Ein Hund will seinem Herrchen gefallen, für es arbeiten. Nicht aber der Mops. Er gleicht wirklich mehr einer Katze denn einem Hund. Katzen halten Menschen auch nicht für eloquent. Als der Hufschmied endlich fertig ist, schnauft der Mops erleichert auf. Tagesziel erreicht; – keiner der anderen Hunde hat sich ihm gefährlich genähert. Das scheppernde Röcheln verstummt einen Lidschlag lang und seine Augen bekommen für einen kurzen Moment einen gesunden Glanz. Dann beginnen seine Nüstern wieder zu zucken. Es ist sicher nicht einfach mit so einem leicht reizbaren und doch nach Entspannung suchenden Gemüt zu leben. Ein Spannungsfeld, das für die angeschlagene Gesundheit des Mopses nicht gerade zuträglich ist.

Letzte Szene in diesem einaktigen Stück: Hufschmied setzt Mops auf den Beifahrersitz. Sprung wäre für Mops zu anstrengend. Das würde Blähungen verursachen, die bei der gemeinsamen Autofahrt nicht angenehm wären. Im Auto kommt der Mops sogleich seiner Bestimmung nach. Er schaut sein Herrchen vorwurfsvoll an, rollte sich wie eine Katze zusammen und steckt die röchelnde Nase ins seidige Fell. Die Februarsonne hatte in seiner unfreiwilligen Abwesenheit den Beifahrersitz angenehm mit ihren Strahlen beheizt. Der Mops denkt an seine Vorfahren, die auf warmen Kachelöfen schliefen und in Wein gedünstete Dorade gereicht bekamen. “Irgendetwas ist in der Evolution der Hunde-Herrchen schief gelaufen”, denkt sich der Mops, und sinkt in einen traumlosen Schlaf. Der Vorhang schließt sich.

Meine lieben Leser, seien Sie vor den Möpsen auf der Hut. Am Stall gibt es noch einen anderen Mops, deutlich größer, der plötzlich in einem Usain Bolt-Sprint auf einen zurast, einen ins Bein zwickt und einer Rakete gleich wieder Deckung zu Füßen seines ahnungslosen Besitzers sucht. Der Biss eines Mopses tut nicht sehr weh. Mit Tetanus-Impfung ist er unbedenklich, aber für eine Sekunde erschrickt der Mensch, weil man einem Mops eine so niedrige Reizschwelle einfach nicht zutraut.

Es grüßt Sie wie immer sehr herzlich,

Ihre Andrea Klasen

Der sanfte Übergang

Liebe Rosinensucher und Perlenfinder,

ich habe gesehen, wie die große wirklich majestätische Tanne, deren dunkle Umrisse mich Nacht um Nacht im Winde wiegend in den Schlaf geschaukelt haben, angesägt wurde. Erst vorne, damit die Fallrichtung exakt bestimmt werden kann. Dann hinten, damit der mächtige Baum, der so viele Stürme und so viele Jahrzehnte überstanden hat, aus dem Gleichgewicht gerät. Die Berechnungen der Baumfäller waren sehr genau, und diese wunderschöne Tanne, die mir als Markierungspunkt diente, wenn ich den langen geraden Feldweg entlang auf mein Haus zufuhr, wollte nichts anderes als dastehen und sein. Baum sein, mit ihren Zweigen wie ein Dirigent mit seinem Stab durch die Luft streifen und jenes orchestrale Rauschen erzeugen, dass mich träumen lässt und I M M E R in meine Kindheit versetzt. Gibt es etwas Schöneres, als durch einen Wald zu gehen, im besten Falle zu reiten, und nichts als das Rauschen der Fichten und Tannen zu hören? Dieses ewige Rauschen, hoch über Dir. So wie sich die Äste der Bäume langsam bewegen, so hört sich ihr Rauschen an: zeitlos, als würde es einen in die Vergangenheit tragen können und davon erzählen wie es war, als die Wälder noch unberührt waren. Und weit. Als Rothirsche auf ihren langen Wanderungen sie mit ihren Schritten durchmaßen, und Luchse huschend hinter dem Meer von Stämmen durch die Nacht glitten.

Ich weiß, dass Bäume eine Seele besitzen. Dass sie Mittler sind zwischen Himmel und Erde. Dass ihre Äste wie Antennen sind, und dass sich jeder Baum anders anfühlt, weil er eine andere Botschaft für uns hat. Von Holunderbüschen heißt es, dass unter ihnen die körperlosen Wesen leben. Aus diesem Grund wird davon abgeraten, unter einem solchen Busch zu schlafen. Zu schrecklich könnten die Fratzen sein, die man zu sehen bekommt und zu verstörend die Träume, die die Energie dieses Baumes hervorruft. Die Äste und der Stamm des Holunders sind hohl. Ein idealer Kanal für den Weg vom Wurzelreich in den Himmel. Fasse ich den Stamm dieses Baumes an (drei davon stehen in dem Garten, der mein Wohnhaus umgibt), so beginnt sofort mein Arm zu kribbeln.

Umgeben ist mein Haus jedoch von Fichten, meinen Lieblingsbäumen. In meiner Heimat Wittgenstein beherrscht die Fichte das Landschaftsbild. Für die Holzindustrie wurde sie in Monokulturen angepflanzt. Buchenwälder gibt es in Wittgenstein nur vereinzelt. War ich als Kind im Urlaub in Österreich oder an der Nordsee, dann überkam mich irgendwann die Sehnsucht nach meiner Heimat und ich sagte zu meinen Eltern: “Ich möchte zurück zu meinen Fichten.” So geht es mir noch heute. Meine Sehnsucht nach ihnen ist anhaltend und immer gleich stark. Überfahre ich die unsichtbare aber spürbare Grenze zwischen dem Siegerland und meiner Heimat Wittgenstein, dann ist es so, als winkten mir meine Fichten zu. Ich nehme einen tiefen Atemzug und fühle mich von ihnen umarmt. Da stehen sie, und ich höre ihr trostvolles und ewiges Rauschen. Meine Melodie.

Jeder Baum hat eine Bedeutung, oder dient als Medizin. Die Fichte steht für die Kraft der Erneuerung. “Die Nadelbäume stehen generell für Schutz, Geborgenheit und Lebenskraft”, schreibt Harald Knauss in seinem zweibändigen Buch “Die Botschaft der Bäume”. So steht etwa der Wacholder für die Kraft des Schwingens, die Eibe verkörpert die Stille, die Kiefer ist der Baum der Ausstrahlung. Die Tanne steht für die Kraft der Verwirklichung. “Die Fähigkeit zur Vibration, zur Ausrichtung einer Schwingung machte die Tanne auch zum idelaen Holz für die Klangdecke der Streich- und Zupfinstrumente”, schreibt Knauss über diesen immergrünen Nadelbaum. Ausserdem stehe die Tanne für die innere Ausrichtung des Menschen, für das Ausrichten seiner inneren Achse. “Ist unser Ich in der Achse, so stehen wir senkrecht, aufgerichtet und unser Atem geht stark und frei”. Die Tanne hilft uns, unseren eigenen Weg zu finden.

Als meine Tanne angesägt wurde, stand ich in der Küche und hielt den Atem an. Der bestimmt 25 Meter hohe Baum genoss für einen letzten Moment seine Nähe zum Himmel, und beugte sich dann dem eingesägten Winkel in seinem Stamm. Etwas rührte mich zutiefst an, während die Tanne als Symbol für unsere aufgerichtete innere Achse, unsere Wirbelsäule, der Erde zufiel. Diese Tanne wollte nicht fallen. Sie neigte sich wie in Zeitlupe. Sie wollte nicht so auf den Boden stürzen wie die anderen sechs Bäume, die vor ihr in meinem Garten gefällt worden waren. Die waren so ungebremst auf den Rasen gekracht, dass mein Haus einen Hüpfer gemacht hatte. Es war wirklich erschütternd.

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So sanft wie ein Schwan ins Wasser gleitet, so sanft glitt diese Tanne zur Erde.

Diese Tanne aber wollte so sterben, wie sie gelebt hatte: Mit weichen Bewegungen, mit Sanftheit und sachte. Nach langen Momenten, in denen ich meinen Atem angehalten hatte, erreichten ihre krumm gewachsenen grünlich silbernen und so wunderschönen Äste den Boden. Sie erreichten ihn so sanft wie ein Geliebter seine sterbende Braut auf ein weiches Tuch gleiten lässt. Kein Haar wird ihr dabei gekrümmt, kein Knochen stößt hart auf den Untergrund, keine noch so kleine Erschütterung zittert durch ihren zarten Körper. Unversehrt und doch stebernd legt er seine Geliebte zu Boden. Genau so fiel diese Tanne. Im Sterben war sie so schön wie im Leben. Ihre Äste fingen das Gewicht ihres dicken Stammes so weich ab, dass der nicht einmal den Boden berührte. Die Tanne, nun abgetrennt vom Wurzelreich, glitt sanft in die andere Welt. Ihr Baumstumpf bleibt hoffentlich stehen und wird nicht ausgegraben. Bleibt er stehen, so werde ich mich in Zukunft oft auf ihn setzen und mit der Tanne auf ihren schwingenden Ästen durch die Zeiten reisen. Begleitet von einem rauschenden Orchester, dass die Sinfonie der Ewigkeit spielt.

Herzlich

Ihre Andrea Klasen

Das große Fressen

Liebe Rosinensucher und Perlenfinder!

Die Welt wird immer verrückter. Oder waren Sie schon einmal in einem Restaurant, in dem man ganz normal in geselliger Runde am Tisch sitzt und nicht etwa ein Kellner die Bestellungen und Getränkewünsche entgegen nimmt, sondern der Gast, oder soll ich besser sagen, der hungrige User per iPad seine Speisen und Biere bestellt? Sie glauben mir nicht, dass es schon so weit gekommen ist? Ich konnte es auch nicht glauben und dachte ich hätte als Nicht-Besitzerin eines Smartphones und wehrhafte Gegnerin von sozialen Netzwerken schon wieder den Schuss nicht gehört. Aber der Reihe nach.

In meinem Karate-Dôjô feiern wir keine Weihnachtsfeier, sondern eine Jahresauftaktfeier. Die fand in diesem Jahr Anfang Januar statt. Unser Trainer hatte ein japanisches Restaurant in einem doch recht versteckten Winkel eines neuen Einkaufszentrums von Herdecke ausgesucht. Nach unseren Erlebnissen dort, fragen wir uns in der Rückschau, ob er wohl schon einmal da gewesen ist. Denn wir können ihn uns nicht bei einer elektronischen Bestellung mit einem Tablet vorstellen. Würde er das doch mit schnellen Fingern und eleganter Wischtechnik tun, so wären wir recht verdutzt. Wir werden es wahrscheinlich nie herausfinden, ob und wie er bestellen würde, denn unser Trainer konnte am Essen leider nicht teilnehmen, weil er plötzlich krank geworden war. Bitte, liebe Leser, merken Sie sich dieses nicht unwichtige Detail. Es wird im Verlaufe dieser Geschichte noch eine wichtige Rolle spielen.

Die Mehrzahl unserer 12-köpfigen Runde kannte das Lokal. Ich hatte die Räume etwas widerwillig betreten, weil ich nie freiwillig zu einem Asiaten in Deutschland gehe, da ich solche Essensstätten bisher nur mit Glutamat-Kopfschmerzen verlassen habe, und mich die für deutsche Zungen in ihren Aromen zurechtgestutzte asiatische Küche nie wirklich überzeugt hat. Auch das großstädterische Sushi nicht. Meine Abneigung stieg, als alle am Tisch plötzlich vom Buffet sprachen. Buffet könne man nur nehmen, wenn der gesamte Tisch es nähme, so eine der Regeln des Lokals. Und Buffet hieß hier auch nicht, dass man tief mit dem Löffel in silberne rechteckige Metallbehälter griff, sondern erst einmal bestand dieses Buffet nur virtuell. Auf dem iPad waren Fotos der einzelnen Speisen abgebildet. Erwähnte ich, dass ich es hasse, wenn an touristischen Einkehrmöglichkeiten die fotografierten Speisen draußen vor der Tür hängen? Warum macht man das? In Streifen gebratenes Hühnchenfleisch und eine Algensuppe kann man sich doch wohl vorstellen, oder? Also alle Buffet, das merkte ich schon. Sagte ich, dass ich Gruppenzwang auch nicht mag? Herrgott, ich kam mir in diesem Moment schrecklich spießig vor, da mein Weltbild schon so festgelegt und ich gedanklich gar nicht mehr elastisch war. Und das mit erst 41 Jahren. Wo sollte das noch hinführen?

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Mit diesem iPad wird bestellt. Oben links ist das Kontingent zu sehen. Fünfzehn Speisen dürfen pro Runde bestellt werden.

Aber ich habe eben auch meine wohltuenden Vorlieben und meine Abneigungen, die ich mit manchmal faszinierter Abscheu kultiviere. Ein “All you can eat”-Buffet also. Das war ja klar. Kein Asiate ohne diesen Unsinn. Wer jemals den Film “Das Große Fressen” gesehen hat, der kann solche Völlerei nur ablehnen. Nebenbei bemerkt ist die “Völlerei” auch eine der sieben Todsünden. Aber welchen User von heute bringen solch antiquierte Gesellschaftsregeln schon in Gefahr?

Erwähnte ich, dass ich nichts schlimmer finde als “All you can eat”-Angebote? Das ist für mich der Inbegriff der Maßlosigkeit, das Barometer unserer nur noch konsumierenden Gesellschaft. Tiere werden in Massenhaltung gequält, damit unsere Regale voll von billigem Fleisch sind, die Süddeutsche Zeitung fragte einmal, wie sich ein Huhn wohl fühlen würde, wenn es als Ganzes für 1,99 Euro verkauft würde; – dafür die monatelange Quälerei? Für 1,99? Eine Kohlrabi kostet 49 Cent, Fleisch ist trotzdem billiger als Gemüse und macht den Menschen satter. Ich empfinde unsere Mitbürger oft als hirnlose Konsumenten, die gar nicht mehr merken, was für einen Müll sie in sich hineinstopfen. Fast Food, to go, Mc Drive, essen im Gehen und Stehen. Vor dem Rechner wird es verschlungen. Ungesehen, ungewürdigt. Der Esser grabscht nur in eine Tüte und sieht nicht mal mehr hin.

Auch bei “All you can eat” wird dem Essen gar kein Wert mehr zuerkannt, wenn man so viel essen darf, bis sich die Magenwände krampfhaft dehnen. Das schon angesprochene Maß ist unserer kapitalistischen Gesellschaft abhanden gekommen. Von allem ist immer genug da, alles ist jederzeit verfügbar: Informationen im Netz, Waren im Netz, Kontakte im Netz. – “Bestellen Sie jetzt zahlungspflichtig!”

Wer weiß, wie viel Freude und Mühe es macht, mit Liebe und Muße zu kochen, der würde niemals raffgierig seine Teller am Buffet füllen, und dabei in Kauf nehmen, dass seine Augen größer sind als der Magen (ein Satz meines Opas), aber ist ja egal, dann werden die Reste halt weggeschmissen. Unsere Gesellschaft frisst alles, bis sie irgendwann platzt. Und sie frisst nicht nur Essbares. Ich verabscheue Menschen, die in den Urlaub fahren und von vorneherein in Kauf nehmen, dass sie fünf Kilo zunehmen, weil sie sinnlos und maßlos in sich hineinstopfen. Und sich noch darauf freuen!!! Welche Leere füllen sie damit? Mit blauen und gelben Bändchen um den Arm kategorisieren sie sich und werden systematisch abgefüllt. All inclusive. Kotztüten kriegt man sicher beim Einchecken. Kreuzfahrten sind meiner Meinung nach ausschließlich für das große Fressen da. Was soll man denn sonst bitteschön auf solchen blöden Schiffen machen? Nun ja, diese Gedanken huschten mir so durch den Kopf, als ich das Schwärmen der anderen über das – nennen wir das Kind doch mal bei seinem deutschen Namen – “Friss, was Du kannst-Essen” hörte. Ich finde der Euphemismus “All you can eat” klingt viel zu harmlos. Aber das haben Beschönigungen ja so an sich.

Es ging also los. Die sehr höflichen japanischen Kellner kamen und erklärten die Spielregeln. Wenn, dann müsse der ganze Tisch “Buffet” nehmen, wir müssten uns zu Gruppen zusammenfinden, die dann jeweils ein iPad bekäme. Das wussten wir ja schon. Mit diesem Tablet könne man alle Speisen und Getränke bestellen. – Also waren die Kellner bloß darauf reduziert, uns Gefräßigen die Haifischflossen einfach nur hinzustellen? Ich schämte mich. Doch es kam noch schlimmer: Wie beim Boxkampf wurde rundenweise gegessen: alle zehn Minuten durfte eine neue Runde bestellt werden. Eine Countdown-Uhr am Tablet zeigte dem hungrigen User, wie schnell er schlingen musste. Ich war entsetzt. Ich wollte gebratene Bananen, nach Hause gehen, mit knurrendem Magen einschlafen in der Hoffnung, anders zu sein als der Mainstream. Das Reglement fasste aber noch weiter: Fünfzehn Speisen durfte man pro Runde bestellen. Man touchte auf den Button “Hungrig?” und die einzelnen Posten crawlte man herunter oder hinauf. Es gab Suppen, Hauptspeisen, Sushi, Desserts und Spezial. Spezial war im Preis von 19,90 Euro nicht inbegriffen. Ein Ringrichter war glücklicherweise nicht anwesend. Schellen und Rundengirls gab es auch nicht. Nun ging es also los. Jeder von uns Dreien durfte fünf Sachen bestellen. Ich nahm den Algensalat, die Korokke (japanische Krokette mit Gemüsefüllung), gegrilltes Gemüse, Misosuppe und gebratenen Reis. Man touchte die Speisen an, und wenn die Bestellliste komplett war, ging man auf das Feld “Bestellen”. Und drückte drauf. “Und ab dafür”, sagte ein ehemaliger Chef von mir immer.

Kurz nachdem wir alle bestellt hatten, hörte man es in der einsehbaren Küche zischen und brutzeln, und zehn Minuten später kam der Kellner und brachte auf schmalen länglichen weißen Tellern unsere Gerichte. Da kaum einer noch wusste, was er bestellt hatte, wurde einfach alles auf den Tisch gestellt, und wir begannen zu essen. Hhmm. Also ich muss sagen, dass das sehr köstlich war. Als die anderen schon überlegten, was sie als nächstes nehmen wollten, und die Uhr eine verbleibende Zeit von sieben Minuten bis zu einer zweiten möglichen Bestellung anzeigte, setzte in mir schon wieder die Gegenwehr ein. Pah, ich ließ mich doch beim Essen nicht stoppen. Nicht abfüttern, nicht mästen, nicht in ein Bestell-Hamsterrad zwängen. Ich bin doch Mensch und nicht nur Konsument! Wie stehe ich denn da? Wo war meine Individualität? Hhmm, andererseits musste ich zugeben, dass der Algensalat ungewöhnlich war, und meine Geschmacksknospen regelrecht aufblühten. Auch diese Krokette traf ins Schwarze meiner Zungennerven. Runde zwei war zeitlich nun möglich. Ich war neugierig auf weitere Speisen dieser doch überraschend ausgezeichneten Küche. Nein, ich Grantler musste zugeben, dass mir diese Vielfalt gefiel und ich probieren wollte. Die Soßen, die Suppen, das andere! Also Runde zwei bitte schön!

Runde zwei war auch sehr gut. Von Runde eins hatte ich noch meinen Reis, der ja bekanntlich sehr satt macht. Also ließ ich ihn erstmal Reis sein, denn ich wollte ja probieren. Doch die Karte war umfangreich und mein Magen klein und bescheiden. Wir machten also eine Pause, als die Gruppe der jungen Männer auch in Runde drei die fünfzehn erlaubten Speisen per Touchklick (Mäuse sind ja auch schon wieder out) orderten. Sie waren in einen Probierrausch geraten, und ich beneidete sie um die dehnbaren Mägen. Meine Essensauffangstation hatte genug von den Hauptspeisen und wollte mit Runde drei das geliebte Dessert einnehmen. Es klang sehr verführerisch und so schön rätselhaft exotisch, was da so stand: Mochi, das ist Eis mit grünem Teegeschmack, ausserdem Reisbällchen, gegrillte Ananas, süßer Reis mit Kokosmilch und Vanillesauce und eine Frühlingsrolle mit Mangofüllung und Schokoladensauce. Noch Fragen? Noch Zweifel? Noch Vorbehalte? Hhmmm…

Liebe Leser, ich muss Ihnen sagen, dass mir Hauptgänge oft gar nicht so wichtig sind. Ich bin immer froh, wenn endlich das Dessert mit einem leckeren Kaffee an der Reihe ist. Und wie oft muss man sich für nur EIN Dessert entscheiden, um dessen Eiskugel man dann mit dem Löffel respektvolle Bögen fährt, um möglichst lange etwas von diesem Genuss zu haben? Hier standen einem ganz andere Möglichkeiten offen: Als ich das seltsame Teeeis probierte, kam ich auf den Geschmack, obgleich man bei der Hülle der Eiskugeln den Eindruck hatte, ein weiches Umlegpapier im Mund hin und her zu wiegen. Aber gerade diese Exotik war so reizvoll. Wir wollten eine weitere Runde. Runde Vier: Nochmal Mochi und die Frühlingsrolle. “Bestellen” anklicken, fünf Minuten später flogen einem die weichen Teigtaschen fast bis in den Mund. Ich war ganz verdattert. Das hier war ein Schlaraffenland. Essen on demand. Essen, das nie endet. Desserts bis zum Abwinken.

Halten Sie mich für verfressen, wenn ich sage, dass ich mich für Runde fünf präparierte, und eine wahre Freude empfand, mit meinen Fingern über das Tablet zu streicheln, um sogleich wieder Asien auf der Zunge zu spüren? Zum Teufel mit diesen langweiligen und unrealistischen Todsünden! Doch halt, ich war ja mal Messdiener gewesen…. und hatte christliche Werte. Um mich wieder in geregelte Bahnen zu lenken, orderte ich nach dem wiederholten Eisgenuss einen Latte Macchiato. Mit diesem wunderbaren Milchkaffee schloss ich in Restaurants gerne meine Besuche ab. Ich musste hier beim Japaner einfach eine vertraute Zäsur setzen, ein Ritual befolgen, bevor die Finger auf dem Tablet mit mir durchgingen. Es lagen bestimmt noch etliche Mochi-Kugeln in der Truhe der Küche herum? Gott bewahre! Die anderen bestellten noch immer Hauptspeisen, und die ganze Zeit wurden die köstlichsten Dinge gereicht. Ein Italiener in unserer Runde, Fabiolo, hatte bisher noch nicht viel gesprochen, weil er unentwegt aß. Das fiel uns auf einmal allen auf: Vor ihn wurden die meisten Speisen gestellt. Und er futterte und genoss. Als wir ihn fragten, in welcher Runde er sich befände, sagte er: “Sieben”, und jedesmal hatte er fünf Gerichte bestellt. Er erklärte kurzerhand den Grund: “Meine Mutter sagt immer, man müsse alles probieren, ehe man ein Restaurant wirklich beurteilen könne.” Italiener befolgen ja häufig, was Mama sagt, aber diesmal war es für ihn ein leichtes Nachkommen ihres klugen Rates.

Markus mit seinen fünfzehn Jahren, der rechts neben mir saß, hatte sich, nachdem er viel probiert hatte, spezialisiert: er orderte im Minutentakt Ananas. Manchmal drei Portionen auf einmal. Das ging ja. Waren ja immer nur drei Stückchen auf den schlanken Tellern. Fünfzehn Portionen wären rein theoretisch möglich. Gegenüber saßen Yannis und Bastian. Bastian starrte schon seit einigen Minuten fassungslos zu Yannis hinüber, der immer noch aß und auch noch nicht von einem Sättigungsgefühl sprach. “Ich kann nicht mehr”, sagte Bastian und bewunderte seinen Sitznachbarn weiter. Der bestellte sieben Runden und auch den kompletten Nachtisch. Als wir diese köstlichen weichen Reisbällchen mit Sesamkruste zu uns nahmen, fingen wir plötzlich an zu fantasieren. Was, wenn wir hier Runde um Runde bestellen müssten, wir gar nicht anders könnten, tagelang hier säßen und beim nächsten Training, wenn wir unserem Trainer beim Angrüßen in einer Reihe wieder gegenüber ständen, so dick wären, dass wir statt Karate Sumoringen machen müssten? Der Dickste würde sich im Kampf einfach auf den anderen draufsetzen. Kampf gewonnen. In den vielen Pausen, die wir aufgrund unseres Körperumfanges dann machen müssten, würde uns unser Trainer diese leckeren Reisbällchen in den Schlund werfen. Wie kleine hungrige Vögel säßen wir mit offenen Schnäbeln vor ihm und verlangten Nachschub. So ein massiger Körper musste am Laufen gehalten werden! Als gefräßige Sumos würden wir berühmt, auf Herdeckes Ortsschild stände fortan: Stadt der Sumoringer. Wir wären die Maskottchen dieses japanischen Restaurants und statt zehn lächerlichen Runden würden wir auf dreißig erhöhen. Unser Trainer käme uns so hässlich dünn vor, und am Ende würden wir nur noch sitzend trainieren. Der weichen Reisbällchen müde, würde unser Trainer uns nun dieses Teeeis in unsere gierigen Münder werfen, und die Stadt dann endgültig verlassen. Für ihn schien die Völlerei also noch eine Todsünde zu sein. Wie spießig!

“Ich brauche noch eine Spezi”, sagte mein junger Sitznachbar. Das Lokal war inzwischen leer. Es waren fast elf Uhr. Wir waren die einzigen übrig gebliebenen Gäste, und noch immer testete unser Italiener diese Küche gewissenhaft im Auftrag seiner Mutter auf Herz und Nieren. Er verbrauchte dabei gefühlt sechzig dieser schmalen Teller. Als mein Nachbar sein Wunschgetränk antouchte und dann auf “Bestellen” ging, hörten wir beinahe im gleichen Moment, wie die Bardame den Kühlschrank öffnete, die Flasche herausnahm, und mein Sitznachbar nur wenige Sekunden nach dem Ordern sein Getränk hingestellt bekam. Das nenne ich Service. So schnell sind nicht mal Fast Food-Ketten.

Tja, was soll ich sagen. Vorurteile sind dazu da, sie manchmal aus dem Weg zu räumen. Auf dem Kreuzfahrtschiff darf man seine Prinzipien auch ruhig mal über Bord werfen, oder nicht? Ich habe mich an der Essenslust der jungen Männer unseres Dôjôs jedenfalls sehr vergnügt und mich an meinen jüngeren Bruder erinnert, der in dem Alter auch nie satt wurde. Da war doch ein “All you can eat”-Buffet genau das richtige! Und als ich dann auf der Karte auch noch las, dass Verschwendung nicht geschätzt würde, und man nur so viel bestellen sollte, wie man auch essen kann, ausserdem das Restaurant sich vorbehält zuviel bestellte Speisen, also die Reste, extra zu berechnen, da versöhnte ich mich endgültig mit diesem japanischen Restaurant. Und wer weiß, wenn der Lieblingsitaliener von meinem Freund und mir mal zu hat, dann könnten wir doch auch….

Meine lieben Leser, genießen Sie Ihr Essen, egal wie, wann, wo und wieviel. Es grüßt Sie wie immer herzlich

Ihre Andrea Klasen

PS: Und wer Lust bekommen hat, diese leckeren Speisen aus dem fernen Japan mitten in Herdecke auch einmal zu probieren, dem sei die Adresse des Restaurants verraten: http://www.gourmetkhan-herdecke.de

Männer im falschen Körper

Liebe Rosinensucher und Perlenfinder,

zu Beginn meiner heutigen Geschichte möchte ich zuallererst meine weiblichen Leser ansprechen: Liebe weibliche Rosinensucher und Perlenfinder, was geht in Ihnen vor, wenn Sie sehen, dass ein Mann sein Vehikel auf einem Frauenparktplatz abstellt? Ohne mit der Wimper zu zucken, ohne darüber nachzudenken, warum diese Stellplätze eingerichtet worden sind? Das machen die so! Ich persönlich verachte bei Menschen zutiefst die Rücksichtslosigkeit. Eine weitere menschliche Eigenschaft, die mir absolut zuwider ist, ist die Ignoranz. Wenn ich einen Mann sehe, der gerade auf einem Frauenparkplatz eingeparkt hat, aussteigt und sein Fahrzeug lässig aus der Hüfte mit der Fernbedienung verriegelt, und sich währenddessen hämisch die anderen abgestellten PKW ansieht, und bei jedem leicht schief stehenden Auto denkt: “Die blöden Weiber, einparken können sie auch nicht!”, dann kommt eine unglaubliche Wut in mir hoch, die mich meine gute Kinderstube vergessen lässt. Mir schießt dann das Adrenalin ins Blut und wenn ich in Reichweite bin, dann rufe ich ihm etwas zu. Reagiert er nicht, eile ich zu ihm hin und stelle ihn zur Rede. Während dieser Unterhaltungen spüre ich wie frauenverachtend diese Welt ist, wie stark sich Männer fühlen und wie wenig sich die meisten von ihnen in eine Frau hinein versetzen können, die auf höher liegenden und dunkleren Parkdecks von Männern wie ihnen bedroht werden. Das Kämpfen für die Rechte der Frau beginnt im Kleinen. Aus diesem Grund gehe ich nach ergebnislosen Unterhaltungen mit solchen Ignoranten zum Parkwärter und bitte ihn, das Kennzeichen aufzuschreiben und den Mann beim Herausfahren zu ermahnen. Ob er es macht, das weiß ich nicht, aber mehr kann ich nicht tun.

Neulich in einem Münsteraner Parkhaus passierte etwas, das im Bereich der Frauenparkplätze auch sehr häufig vorkommt, und was nicht minder verwerflich ist: Eine Frau sitzt am Steuer, mit ihr sind zwei weitere Insassen im Auto, jedoch männlicher Natur. Was bitte ist denn das für eine Verräterin? Es sollten absolut klare Regeln für Frauenparkplätze herrschen: Sobald ein Mann mit Frauen im Auto sitzt, der sowohl bei der Ankunft als auch bei der Abfahrt dabei ist, haben diese Menschen auf einem gewöhnlichen Parkplatz zu parken. Auch wenn man dann seine überschüssigen Kilos mal ein Treppenhaus hinauf bewegen muss. Denn diese Menschen sind dieselben, die beim Einkaufen im  Supermarkt auf der schraffierten Stelle direkt neben der Eingangstür stehen, oder noch schlimmer: es sind die, die sich auf Behindertenparkplätze stellen, weil es ja nur für ein paar Minuten ist, bin doch gleich wieder weg.

Als Journalistin habe ich einige Menschen mit Behinderung kennenlernen dürfen. Unter ihnen eine wunderbare Frau aus Köln, die contergangeschädigt ist, mit zwei zur Hälfte amputierten Beinen und zwei kurzen Armen leben muss, die kaum länger als mein Oberarm sind. Mit winzigen unvollständigen Fingern daran. Diese Frau möchte unabhängig sein und hat sich ein Auto umbauen lassen. Sie schaltet, bremst und lenkt mit Hilfe von Hebeln, die sie mit ihrem Kinn und ihren Armen bedient. Ins Auto gelangt sie, indem sie die große breite (!) Heckklappe per Fernbedienung hinunterlässt, mit ihrem Rollstuhl hineinfährt, sich dann aus dem Rollstuhl hinaus wuchtet hin zu einer Rampe, mit deren Hilfe sie auf den Fahrersitz gelangt. Dieses Auto bedeutet für sie eine unendliche Freiheit. Sie muss niemanden fragen, ob er sie irgendwohin fährt. Nein, sie kann ins Kino gehen, Freunde besuchen und einkaufen, ohne sich mit einem Helfer abzusprechen. Diese Frau und viele andere Menschen mit Behinderung, die ich unter anderem in einer Spezialwerkstatt in Hattingen getroffen habe, wo Autos behindertengerecht umgebaut werden, hat mir erzählt, was auf Behindertenparkplätzen so abgeht. Bedroht werden die gehandicapten Menschen, wenn sie einem nicht Behinderten sagen, dass er bitte woanders zu parken hat. Sogar Schläge werden angedroht und manchmal auch in die Tat umgesetzt. Können  Sie sich das vorstellen? Dass die Unabhängigkeit eines körperlich benachteiligten Menschen in dem Moment endet, in dem ein ignoranter Autofahrer sich einfach auf einen Behindertenparkplatz stellt? Diese Stellplätze sind nicht umsonst so breit, denn häuftig müssen die Menschen seitlich Rampen ausfahren, um mit ihrem Rollstuhl herauszukommen, oder um ihn anders auszuladen. Auf einem normalen Parkplatz ist das nicht möglich. Ich würde mich sofort für jeden Menschen mit Behinderung einsetzen, der auf diese Weise in Not gerät, und ich würde mich auch dafür prügeln. Ich kann Ungerechtigkeit nicht ausstehen!

Und dieser Gerechtigkeitsgedanke durchdringt mich eben auch, wenn ich sehe, dass ein Mann auf einem Frauenparkplatz parkt. Gewalt ist eine Lösung. Manchmal. Ich bin wehrhaft. Mir fällt dann eine Karate-dô-Meisterin ein, bei der ich einmal trainiert habe. Sie war noch kleiner als ich (also unter 1,58 m) und wurde von drei Männern überfallen. Sie zögerte nicht lange: alle drei landeten im Krankenhaus. Das ist immer die Frage, die man stellt, wenn man eine Kampfkunst erlent: Wäre ich im Notfall in der Lage, mich effektiv zu verteidigen? Das fragen sich selbst exzellente Dan-Träger mit atembraubend schönen und wirkungsvollen Techniken.

Nun ja, fahren wir in unserer Geschichte fort: Am vergangenen Montag arbeitete ich in Siegen, wo ich von 11 Uhr bis 20 Uhr Dienst in einer großen Radio- und Fernsehanstalt des öffentlichen Rechts hatte. Da ich also wusste, dass ich ich erst im Dunklen Feierabend hätte und ich in manchen Phasen des Lebens einfach solche Schutz gebenden Angebote wie Frauenparklätze nutzen möchte, schaute ich auf der Ebene der Frauenparkplätze, ob dort eine Bucht frei war. Ich hatte Glück. Zwei freie Plätze lagen nebeneinander. Ich parkte ein, stieg aus und war gerade dabei etwas aus meinem Kofferraum zu holen, als neben mir ein Auto rückwärts in die Lücke gefahren wurde. Das Wesen am Steuer war nicht sehr geschickt darin, rückwärts zu manövrieren und kurbelte hin und her. “So fährt keine Frau”, schoss es mir durch den Kopf, und ich bückte mich etwas, um in das tief liegende Auto zu schauen. Und richtig, ein Mann saß hinter dem Steuer. Meine Wut ist schnell wie arabischer Vollblüter und meine Reaktion manchmal so schnell wie die eines Turmfalken. Weil diese meine Meinung über Frauenparkplätze fest in mir verankert ist, brauchte ich auch nicht noch einmal in Resonanz mit mir und meinem Gefühl zu gehen, sondern klopfte bei dem männlichen Verkehrsteilnehmer ohne nachzudenken an die Beifahrerscheibe, setze mein siegessicheres und vordergründig freundliches Grinsen auf, und als er meinen Blick erwiderte, deutete ich immer noch Zähne zeigend auf das Schild, auf das er schräg zufuhr: FRAUENPARKPLÄTZE. Ich muss dem Mann einen solchen Schrecken eingejagt haben, dass er Vollgas gab und sich in die Parkhausschnecke verkroch. Na also, geht doch. Zufrieden, wieder einmal etwas für uns Frauen getan zu haben, ging ich zur Arbeit und tat meinen Dienst.

Kurz vor Feierabend kam ein Kollege zu mir, Familienvater, auf einem Bauernhof bei Hagen lebend, ich mag ihn. Ihm erzählte ich, dass ich einen Mann vom Frauenparkplatz verscheucht hatte und wie unmöglich ich das fände, wenn Männer dort parkten. Er grinste mich an und sagte: “Ich parke da auch oft, und wenn eine Frau mich anquatscht, dann sage ich immer: Ich bin im falschen Körper.” So gerne ich diesen Kollegen mag, aber in diesem Moment habe ich sein Verhalten und den blöden Spruch wirklich scharf verurteilt. Ein weiterer Kollege kam hinzu und erzählte Ähnliches. Wissen Männer nicht wie es ist, Angst zu haben? Oder haben sie soviel Angst, dass sie auch lieber im Hellen parken wollen? Vielleicht denken sie auch gar nicht und fahren einfach nur frauenverachtend in die aparte Lücke. Was soll der Quatsch, Frauenparkplätze!

Trotz seiner harnebüchenden Erzählung sagte ich Ja!, als der Kollege vom Bauernhof mich fragte, ob wir gemeinsam in Richtung unserer Autos gehen wollten. Auf dem Weg dorthin mekrte ich, das er humpelte und wir kamen ins Gespräch über Stürze bei Glatteis und über DEN Unfallort, der vor allem für Frauen gefährlich ist: Der Haushalt. Was da alles passieren kann. Ich erzählte ihm, dass ich, als ich meine ausziehbare Bodentreppe zum Dachgeschoss hinauf klettern wollte, hinunter gestürzt und gegen eine Wand geflogen war. Er schaute mich erschrocken an. “Ja, ich wusste nicht, dass ich schon so schwer bin, dass Holzsprossen unter mir zusammenbrechen”, sagte ich zu ihm, als er nach dem Grund fragte. “Und wo hast Du Dich verletzt?”, wollte er wissen. “Nun, ich bin erst durch die zersplitterte Sprosse gerutscht und habe mir die Kniekehlen aufgeschlagen, ausserdem die Schienbeine, dann bin ich nach hinten gefallen, und habe ich mit meinem Ellenbogen die unterste Sprosse durchschlagen, bevor ich dann mit dem Hinterkopf an die Wand geprallt bin.” Mit riesigen Augen sah er mich an und blieb stehen. “Und weißt Du was”, fügte ich noch hinzu, “davon, dass ich mit dem Ellenbogen die untereste Stufe durchschlagen habe, davon werde ich meinem Karate-Meister erzählen, denn er sagt immer, dass Empi (japanisch für “Ellenbogen”) unsere stärkste Waffe ist.” Trotz aller Tragik und aller Schmerzen, die dieser Sturz auch nach sich gezogen hatte und noch immer zieht, musste ich plötzlich doch ein wenig stolz dreinschauen. Ja, hinter meinem Empi steckte wohl eine unglaubliche Kraft, und das Gelenk war glücklicherweise noch nicht mal gebrochen, nur geprellt. Mein Kollege sah mir fest in die Augen:”Andrea, Du brauchst keinen Frauenparkplatz!”

Schweigend gingen wir die nächsten Minuten weiter. Jetzt hatte er mich doch nachdenklich gemacht…

Meine lieben verehrten und geschätzten Leser. Prüfen sie Ihr Verhalten, lesen Sie Schilder und lassen Sie alte Bodentreppen von Zeit zu Zeit von einem zertifizierten und staatlich geprüften Schreinermeister kontrollieren. Sonst gerät das eigene Weltbild völlig ins Wanken.

Ich grüße Sie herzlich,

Ihre Andrea Klasen

Keine Skrupel, nirgends – über das Schwimmen auf der Autobahn

Liebe Rosinensucher und Perlenfinder,

am besten fließt der Autobahnverkehr, wenn sich alle durch Fahrschulen ausgebildete Verkehrsteilnehmer an das Rechtsfahrgebot halten. Dafür ist es ja wohl auch erfunden worden. So jedenfalls meine Vermutung. Wenn nichts Besonderes vorliegt: rechts fahren, will man überholen, so setzt man den Blinker und zieht links an dem Langsameren vorbei, bis man sich in einem respektvollen Abstand wieder einfädelt, nach rechts. Überholvorgang abgeschlossen. So weit, so einfach. Es könnte alles so friedlich sein, isses es aaaaber nicht. Die Wirklichkeit sieht doch so aus: Links fahren die, die es nicht etwa eilig haben, sondern vielmehr die anderen einschüchtern wollen, die klarstellen wollen, wer in unserer Gesellschaft das Sagen hat: Nämlich die, die rücksichtslos sind. Die, die wahrscheinlich absichtlich Katzen überfahren. Die, die gedankenlos sind und sich für die Größten halten. Die, die glauben ihren Platz gefunden zu haben, nämlich links und die erst merken wie falsch sie liegen, wenn sie durch die Mittelleitplanke brechen und vielleicht, wenn sie Glück haben und danach noch über etwas Hirn verfügen, sich besinnen, und im Postmaterialismus landen.

Auf der mittleren Fahrspur tuckern diejenigen, die bei Auffahrten keinen Platz machen wollen und glauben sie stören mit ihren 100 Kilomter pro Stunde niemanden, obwohl genau wegen dieser Personen Staus entstehen, weil alle Welt um sie herum fahren muss und man beim Rechtsüberholen Angst vor der Zivilstreife hat.

Ganz rechts fahren die, die sich im Windschatten eines LKW mal ausruhen wollen, entschleunigen wollen, mal durchatmen wollen, und den Rückspiegel nach oben klappen, weil sie durch die ständigen Lichthupen genervt sind und die röhrenden V8-Motoren der getunten Opel Corsas, die auch gerne in vorderster Front mitlaufen, nicht mehr hören können.

Auf den Autobahnen herrscht meiner Meinung nach Krieg. Schwimm mit, oder Du bist tot. Ob man will oder nicht, man gerät in die negativen Energiefelder einiger Kriegsminister, die das Tempo vorgeben und die Regeln unmissverständlich vorgeben: Bist du zu langsam, dann bleib gefälligst zuhause. Nur wer mitschwimmt überlebt. Und wer mitschwimmen darf, das bestimmen wir.

Es herrscht eine Aggression unter den Fahrern, bei der ich mich immer frage, ob die Herren noch genauso schimpfen und beleidigen würden, ständen sie sich auf einem Rastplatz gegenüber, und müssten sich statt mit dem Gaspedal, mit ihren zerbrechlichen Körpern messen. Sieht man selten, solche Auseinandersetzungen vis-à-vis.

Um Empathie geht es in dieser Gesellschaft nicht mehr. Die ist genauso verpönt wie Tierliebe. Es geht nur noch um Druck machen, einschüchtern, besser sein. Vielleicht hat derjenige, der wirklich 80 km/h in der Baustelle fährt und alles richtig machen will, gerade einen schlimmen Unfall erlebt und traut sich das erste Mal wieder, im Dunklen durch das Nadelöhr zu fahren. Vielleicht ist die Frau, die so vorsichtig vor einem fährt schwanger und freut sich auf das nahende Glück, das risikohaftes Tun ausschließt. Vielleicht hat derjenige vor Ihnen Schildkröten im Fußraum des Beifahrersitzes, die er behutsam von A nach B transportieren will, ohne dass ihre Panzer bei einem Aufprall zerschellen. Es lässt sich leichter fluchen hinter der schützenden Scheibe, statt mal an eigene Zeiten auf dünnem Eis zu denken. Kann schnell gehen, dass ein See zufriert und man sich in seiner Mitte befindet. Aber das wissen die aggressiven Linksfahrer noch nicht.

Ich will es mal so sagen: Meiner Meinung nach lässt sich die Temperatur einer Gesellschaft, ihr momenatner Zustand, auf der Autobahn ablesen. Wenn Sie nichts Besseres zu tun haben, dann stellen Sie sich doch für ein paar Minuten mal auf eine Autobahnbrücke und schauen hinunter. – Oder gehen Sie ins Schwimmbad.

Im Hagener Westfalenbad gibt es auch Autobahnen. Schwimmautobahnen. Und das geht so: zwei Bahnen sind durch eine Trennschnur geteilt, an den Enden der Bahnen jedoch befindet sich ein Metallbogen, der ein Weiterführen der Schnur beendet und überbrückt, so dass man unter dem Bogen herschwimmen kann, um wieder in die andere Richtung zu kommen. Das Westfalenbad richtet solche Schwimmautobahnen ein, damit kein Stau entsteht und die Schwimmer Bahnen schwimmen können. Die Regeln für die Autobahn im Wasser sind auf einer Erklärtafel vor dem Becken beschrieben. Mit Foto. Ich bin immer wieder entsetzt, wie wenig Menschen lesen können. Darauf steht: Bitte schwimmen Sie in der Schwimmautbahn rechts und wenn Sie schneller sind, so überholen Sie links und ordnen sich dann wieder ein. Wer Auto fährt, dem müssten die Regeln irgendwie bekannt vorkommen. So hofft man. Aber: Fehlanzeige. Im Wasser ist es genauso wie auf der Straße. Es gibt auch hier tatsächlich Menschen, die genau in der Mitte der Bahn schwimmen, so dass man weder legal links, noch illegal rechts überholen kann. Ein älterer Herr, der heute mit der Gemächlichkeit eines Nilpferdes die 50-Meter-Strecke abmaß, hielt den gesamten Verkehr auf. Niemand kam an ihm vorbei. (Solche Leute haben “50 Jahre unfallfrei” am Auto kleben, weil sie nicht mitbekommen, dass hinter ihnen die Welt zusammenfällt) Nur der kahlköpfige Mitfünfziger, der nach jeder Bahn ins Wasser rotzte, besaß die Frechheit, sich zwischen mich (rechts) und das Nilpferd (Mitte) zu werfen, wobei ich seinen Beinschlag unterhalb des Rippenbogens zu spüren bekam. “Blödes Arschloch!”, habe ich ihm hinterher gerufen, schon völlig entnervt von der Langsamkeit des Nilpferdes und der generell schlechten Energie in der Schwimmhalle. Die herrscht übrigens immer, wenn die Wettkampfschwimmer trainieren. Hier geht es auch um das Bessersein, das Beweisen und um Gaspedale an den Füßen. Mein Fluchen hat der Kahlköpfige nicht gehört, aber mit ihm hätte ich mich auf einem Parkplatz duelliert.

Auf der anderen Seite schwammen zwei ältere Frauen, die viel zu erzählen hatten und deshalb unbedingt nebeneinander schwimmen mussten. Also die eine blockierte quasi die linke Spur, während die andere ihr immer vom Mittelstreifen etwas herüber rief. Und beide merkten nix. Typisch für Reihenschwimmer, die grundsätzlich aus Schwimmbädern verbannt werden sollten. Merken die eigentlich wirklich nix??? Nein.

Meine strafender Blick wurde abgelenkt: Gerade stieg eine etwas korpulentere Dame mit schwarzem Schwimmsuit, perfekt sitzender Frisur, Parfum und Gala Make up ins kalte Wasser. Sieht man so etwas, weiß man, dass weitere Staus drohen, denn solche schwimmen stehend im Wasser rückwärts, auf der Schwimmautobahn meist auf der linken Spur und merken nix. Das Nilpferd war just in dem Moment auf der anderen Seite angekommen, ich dicht dahinter, es fasste kurz an den Beckenrand um den Körper zu wenden, ich versuchte diesen kurzen Augenblick zu nutzen und wollte mit einem langen Zug vor ihn gelangen, um ihn endlich loszuwerden. Doch solche Nilpferde sind allein auf ihren Flüssen. Dieses Exemplar stieß sich ab, gleitete und ich konnte sehen, wo ich blieb: wieder dahinter. Konnte gerade noch unfallfrei ausweichen. Das sind solche, die von der Beschleunigungsspur einfach auf die Bahn fahren, ohne zu blinken und zu gucken. Lebensgefühl: Wird schon irgendwie gehen, sollen die anderen doch gucken und ausweichen. Ich hielt mich nach diesem für Nilpferde typischen Manöver genervt am Beckenrand fest und stieß eine zweite Beleidigung aus, diesmal in Richtung des Nilpferdes. Die Badaufsicht bekam mit, was sich auf der Schwimmautobahn abspielte und machte eine Durchsage: “Liebe Badegäste auf der Schwimmautobahn. Bitte schwimmen Sie rechts, damit die schnelleren Schwimmer sie überholen können.” Doch die, die gemeint waren, fühlten sich wie immer nicht angesprochen: Nilpferd schwamm über die volle Breite weiter. Die Toupierte tat so, als höre sie nichts, die beiden Reihenschwimmerinnen setzten sich über die Lausprecherbitte hinweg, – “was stellen die sich alle so an, klappt doch prima, hier zu zweit nebeneinander zu schwimmen”- , und Kahlkopf war gerade unter Wasser. Ich als Bademeister würde solche Leute rausfischen, das Ordnungsamt anrufen, Knöllchen schreiben, zwei Punkte notieren und ein Hausverbot aussprechen. Für immer.

Die Frisierte schien nicht nur taub, sondern auch wasserscheu zu sein. Sie regte sich darüber auf, dass sie von den Vereinsschwimmern auf der Nebenbahn, die gerade Delphin übten und nach jedem kraftraubenden Zug wieder ins Wasser plumsten, nass gespritzt wurde, obwohl sie doch schon links schwamm. Ja, Himmel, Schwimmen ist nun mal ein Sport, bei dem man nass werden kann. Der Kahlköpfige setzte sich erneut mit energiegeladenem Gaspedal über alle Regeln hinweg: er schwamm jetzt zwei Züge Rücken, drehte sich wie ein ungeschickter Wal einmal um 180° um die eigene Achse, kraulte dann zwei Züge, so dass man bei jeder seiner Armaktionen einen Putzeimer Wasser ins Gesicht bekam. Die Frisierte fuhr entnervt von der Autobahn ab. Andere, die Kahlkopf passierte, hielten sich am Beckenrand fest und versuchten sich im Sog seiner Tsunami auslösenden Wellen neu zu orientieren. Ich sage Ihnen ehrlich: Schwimmen ist heutzutage auch kein Spaß mehr. Fragt man jedoch das Nilpferd, so wird es sagen: “War voll, aber ich habe meine Bahnen wie immer gezogen.” Fragt man den Kahlköpfigen, dann waren nur Idioten im Becken. Fragt man mich, dann bin ich für Intelligenz- und Sprachtests, notfalls auch für das Vorlegen psychologischer Gutachten, bevor ein Schwimmer auch nur eine Flosse ins aufgepeitsche Wasser der Schwimmautobahn setzen darf.

Ganz ehrlich: Jedesmal, wenn ich meine Bahnen ziehe und wegen soviel Blödheit am liebsten untertauchen würde, dann denke ich an meinen Seelenfreund Herbert Grönemeyer, der die wunderbare Zeile singt: “Es könnt’ alles so einfach sein, isses aaaber nicht.” Na dann, weitersparen für das eigene Schwimmbad!!!

Fahren, beziehungsweise schwimmen Sie bloß vorsichtig.

Herzlich, Ihre Andrea Klasen

Aktion Molch

Liebe Rosinensucher und Perlenfinder,

wann hatten Sie das letzte Mal einen Molch auf Ihrer Hand? Eines jener filigranen Tiere, deren Gewicht kaum empfindbar ist, die aussehen wie kleine Drachen, wie Wesen aus einer anderen Zeit. Wie Geschöpfe, die uns zeigen, was Metamorphose ist, die lebendige Beweise für eine Transformation sind, die einen leise anschauen, und man in ihrem Blick spürt, wie alt unser Planet schon ist. Die Molche wirken so, als wüssten sie um das Geheimnis der Zeit, als hätten sie sich allem Zeitlichen längst mühelos enthoben.
Laufen sie über deine Hand, dann spürst du die Kraft, die in ihren Beinen steckt. Sie strotzen vor Lebensenergie und verstehen auch das Versinken in die Anmut der Lurchseele. In ihren Träumen verwandeln sich die Molche sicher in feuerspeiende Krieger, die mit ihrem schnellenden Schwanz alle Gegner niederstrecken, die ihren Kamm aufstellen und der Welt zeigen wie schön sie sind. Molche müssen nicht geküsst werden um Prinzen zu werden!

DSC08993Molche haben einen so klugen weltabgewandten Blick.
Ich vermute einmal, dass es sich bei meinen entdeckten Molchen um Bergmolche handelt. Sie leben in der Nähe von Tümpeln und Seen und, laut Wikipedia, in „wassergefüllten Wagenspuren auf Forstwegen“. Genau dort hatte ich die Molche gestern entdeckt. Dank des Regens war ihre mit Wasser gefüllte Wagenspur reich gefüllt, aber am Rande ihres Biotops befanden sich Ölspuren. Vielleicht von einem Geländefahrzeug, das für die “Wagenspuren auf Forstwegen” sorgt, die sich mit Wasser füllen, vielleicht von einer Motorsäge oder von Ölflaschen, die Molch verachtende Menschen achtlos in die Natur werfen. Ich jedenfalls war in großer Sorge, dass der heimische Molch im Klammergriff eines schimmernden Ölfilms jämmerlich zugrunde geht, dass das Öl tief durch seine atmende Haut sinkt und den kleinen Drachen von innen zerfrisst.
Mir gingen die Molche während meines restlichen Spazierganges mit meinem Pferd nicht mehr aus dem Kopf. Ich wollte sie retten, sie vor der Ölverschmutzung bewahren.
Ich weihte meinen Freund ein, der als Städter immer eine latente Angst vor matschigen Waldwegen hat, doch er war sofort Feuer und Flamme. Wir präparierten eine große Packung eines Fruchtgummiherstellers aus Bonn, und beschlossen, die „Aktion Molch“ in die Tat umzusetzen. Mit dabei meine Stute Lady, die für ungewöhnliche Happenings ihres Menschen immer zu haben ist. Wir marschierten also durch den regennassen Laubwald, durch tiefe tiefe Pfützen und Matschlöcher, und ich versprach meinem Freund, seine Turnschuhe, deren Farbe in der Zwischenzeit nicht mehr zu erkennen war, wieder in Ordnung zu bringen. Der Wind trieb uns den Niederschlag ins Gesicht, doch wir drei gingen eiligen Schrittes immer weiter, Richtung Molchpfütze. Als die dunklen, schnell ziehenden Wolken für einen Moment regenleer waren, erreichten wir die verschmutzte Fahrrinne. Lady banden wir an einen Baum, weil wir in Sorge waren, dass sie in ihrem Drang dabei sein zu wollen, vielleicht doch in eine der Pfützen trat und einen Molch in Lebensgefahr bringen würde. Aufmerksam beobachtete sie, was wir taten. Lady wurde so zur Molch-Patin. Die Molche hatten besagte Pfütze nicht verlassen. Sie ruhten unter der Wasseroberfläche, die noch immer von verspäteten dicken Regentropfen in Kreise zerteilt wurde, die die Molche wahrscheinlich zu einer weiteren Trance tief in das Wissen der Molchahnen führte.

DSC08990Wir konnten uns nicht satt sehen an den Wesen vergangener Zeit.
Aus ihrer Versunkenheit gerissen sahen uns die Molche empört an, als wir mit unseren Fingern hauchzart nach ihnen griffen. Irgendwann hatte ich es raus, wie sie mir beinahe von selbst zwischen die Finger glitten, und ich sie vorsichtiger als ich die berühmten Eier der russischen Zaren angefassen würde, in die Fruchtgummiverpackung setze, die noch immer nach Lakritz roch. Molche haben sicher feine Nasen… Neun Molche konnten wir einfangen, sie alle waren wunderschön und sehr besonders. Manche hatten einen roten Bauch, einer der Molche war gelblich-grün, ein anderer blau mit beeindruckendem Kamm. Ihn nannten wir „Smaragd“.
Wir ließen sie einen nach dem anderen in das vorbereitete Transportbiotop gleiten, das wir mit Pfützenwasser gefüllt hatten, angereichert mit Schlamm um die Molche mit der gleichen Temperatur zu transportieren, in der sie bisher gelebt hatten.

DSC08989Neun Molche konnten wir vor dem Öl retten.
Auf unserem Rückweg ließen wir alle Viertelstunde frische Luft an sie heran, – sie zappelten und blickten mit ihren klugen Augen aus dem dunklen Wasser.
Zuhause angekommen sahen wir sie uns an, jeder ein kleines Kunstwerk. Unser Plan war, sie hinter meinem Haus in das Gebiet des kleinen Baches, der sehr langsam fließt und an vielen Stellen einfach nur ruht, auszusetzen. Molch für Molch entließ ich in die Freiheit und ich genoss das Gefühl, mit diesen besonderen Tieren in Kontakt zu sein. Wieder spürte ich ihre kräftigen Beinchen und ihren Lebensdrang. Endlich wieder in ihrer geliebten Feuchte angekommen, sahen wir ihnen noch lange zu, wie sie ihren neuen Lebensbereich mit der forschen Molch-Neugier durchfleuchten.
Während dieser Aktion konnten wir endlich wieder Kind sein, die Zeit vergessen, in die Schönheit eines Molches versinken und ihren Blick genießen, der aus einer anderen Zeit schaut. Als Kind kann man ohne Schwierigkeiten eintauchen in die nicht lineare Zeit des Molches. Man ist seinem Zeitempfinden gar nicht so fern. Als Erwachsener aber denkt man beim Betrachten eines Molches an die mittlerweile beschwerliche Aufhebung von Zeit, die man als Kind noch mühelos herbeiführen konnte. An eben diese Fähigkeit, Raum und Zeit zu vergessen, soll uns der weise Blick eines Molches wieder erinnern.

Halten Sie die Augen auf, liebe Leser, und versinken Sie in wassergefüllte Wagenspuren auf Forstwegen, durchdringen sie die Wasseroberfläche dieser Pfützen und blicken Sie in die tiefen alten und klugen Augen eines Molches.

Lurchgrüße von Ihrer Andrea Klasen